5. Dezember 2014

Mehr politischer Thriller denn Krimi im Berlin der 20er Jahre

Bevor die Nacht kommt
von Simon Jaspersen

Eine Leseprobe findet ihr hier

Berlin, 1920: an einem Kanal wird eine übel zugerichtete Frauenleiche gefunden. Die Wunden lassen auf das Werk des "Schlitzers" schließen, der bereits 4 Frauen getötet hat. Oberkommissar Mohrfels ist ratlos. Wer ist der Mörder?
Der Psychiater Dr. Dalus hat hingegen ganz andere Probleme. Sein Patient Legner wird verdächtigt, die Frauen getötet zu haben. Dies kann sich der Arzt aber so gar nicht vorstellen. Zudem hat sich seine Schwester Hedwig angekündigt, deren Besuch Dalus so gar nicht gebrauchen kann. Doch dann wird Hedwig entführt und Dalus kennt nur ein Ziel: er will seine Schwester finden!

"Bevor die Nacht kommt" ist das Debüt von Simon Jaspersen und hat mir gut gefallen. Der Autor hat sich eine besonders instabile politische Kulisse ausgesucht, in dem sein Kriminalfall spielt. Und so kommt es, dass der Krimi mehr einem politischen Thriller gleicht.

Die Geschichte wird aus der Erzählerperspektive wiedergegeben. Dabei folgt man Dalus, Mohrfels und ab und an auch unbekannten Personen, deren Geschichte in Kursiv erzählt wird. Die häufigen Perspektivenwechsel haben mir gut gefallen, da ich somit sowohl die polizeilichen Ermittlungen als auch Dalus' Suche verfolgen konnte.

Die Story selbst wird mit jeder Seite komplexer und so manches Mal musste ich zurückblättern, damit mir die Zusammenhänge klar werden konnten. Wer sich geschichtlich in dieser Zeit nicht auskennt, sollte sich darauf gefasst machen, dass er so manchem unbekannten Begriff begegnet und sich geschichtliche Details nicht sofort als verständlich herausstellen.

Obwohl sich der Krimi zu Beginn auf die Frauenmorde konzentriert, entwickelt er sich im Verlauf zu einem politischen Thriller, in dem die ersten Morde stark in den Hintergrund rücken. Das fand ich schade, denn ich hatte mich auf einen historischen Krimi eingestellt. Dennoch haben mir die Verwicklungen, Intrigen und politischen Schachzüge, die Simon Jaspersen beschreibt, nach einer kurzen Gewöhnung sehr gut gefallen. Allerdings wäre der öftere Bezug auf die Frauenmorde nicht schlecht gewesen.

Die Figuren, die Simon Jaspersen erschafft, sind nicht zwingend sympathisch, dafür aber grundsolide und ich konnte ihre Vorgehensweisen zum größten Teil nachvollziehen. Dalus und Mohrfels sind keine glatten Männer, die sich überall Liebkind machen, sondern haben Kanten und Ecken. Das hat mir gut gefallen.

Die letzten 100 Seiten haben mich dann in Atem gehalten, da hier dann alle losen Fäden endgültig zusammen geführt wurden. Das Ende bietet Potenzial für eine Fortsetzung, die ich gern lesen würde.

Der Stil des Autors ist gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist komplex und verlangt Konzentration. Daher ist der Krimi nichts für zwischendurch, sondern eher was für längere Leseabende.


Fazit: ein solider politischer Thriller im Berlin der 20er Jahre. Geschichtsinteressierten kann ich diesen Thriller empfehlen.

Kommentare:

  1. Ich kaue an diesem Buch schon länger herum. Wenn der Schluss besser wird, motiviert das ein bisschen. Ich mag keine Thriller, und das Buch ist mir viel zu thrillermässig und zu kompliziert.
    Lg Lara

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  2. Hi Lara,
    ja, es ist mehr Thriller als alles andere. Und ich denke, dass das auch viele Leser erschrecken wird, die sich auf einen Krimi gefreut haben.

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