13. Januar 2015

Darf es noch ein wenig mehr sein?

Hotline
von Jutta Maria Herrmann

Eine Leseprobe findet ihr hier

Chris führt mit seinen Freunden Konrad, Rick und Paula eine private Beichthotline. Ihr oberstes Motto: keine Polizei, egal, was gebeichtet wird. Als eines Abends eine Frau anruft und droht, ein Neugeborenes lebendig zu begraben, kommt Rick ins Schwanken und verständigt die Polizei. Die kann nichts tun und so machen sich Rick und die hochschwangere Paula auf eigene Faust auf den Weg zum angekündigten Tatort. Und was sie dort entdecken, lässt ihnen das Blut in den Adern gefrieren...

"Hotline" ist das Debüt von Jutta Maria Herrmann und es wird auch mein einziges Buch der Autorin bleiben. Was hier unter "Psychothriller" vertrieben wird, hat mit dem Genre so viel zu tun wie Küssen mit einer Schwangerschaft.

Die Story wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Zum Einen folgt man aus der Erzählerperspektive den 4 Freunden und deren Arbeit bei der Hotline. Zum Anderen wird man als Leser direkt angesprochen, so als ob man selbst der Täter sei. Zu Beginn hatte mich das verwirrt, im weiteren Verlauf war das für mich das einzig wirklich Positive.

Die Geschichte ist überfrachtet mit Klischees, Zufällen und Umständen, die mich abwechselnd wütend gemacht haben und schallend lachend ließen. Beispiele gefällig?

Alle 4 Freunde haben außergewöhnliche Schicksale selbst erlebt oder in ihrem Familienkreis erleben müssen. So wurde Paula als Vierjährige einfach ausgesetzt, Rick hat seine Schwester durch eine Entführung verloren, Chris kämpft mit einem drogensüchtigen Bruder und Konrad wird zur gleichen Zeit Vater und Bruder, da seine 45-jährige Mutter nochmal schwanger ist. Über die biologische Möglichkeit, dass diese Schwangerschaft zufällig und natürlich ist, möchte ich nicht weiter spekulieren. Denn sie hat für die weitere Geschichte auch keine weitere Bewandnis. Da fragte ich mich zum ersten Mal, wozu man das dann überhaupt einbaut?

Die einzige übergewichtige Angestellte bei der Hotline wird nur als essend und naschend beschreiben. Sie bekommt kein Wort raus, ohne dass man genau erfährt, was sie nun wieder zu sich nimmt. Ein WG-Mitbewohner ist natürlich in die schwangere Freundin seines Freundes verknallt und das schon, seitdem sie sich zum ersten Mal gesehen haben. Der werdene Vater kommt mit seinem neuen Lebensabschnitt nicht klar und der Initiator der Hotline glaubt jedem Anruf, der kostenfreie Werbung verspricht.

Auch die Täterin ist das Klischee schlechthin. Ich möchte nicht zu viel verraten, aber das Motiv ist schon so alt und ausgelutscht, dass ich mir das Ende des Buches bereits auf Seite 100 bis 120 zusammenreimen konnte. Inklusive aller vermeintlichen Wendungen und kopflosen Aktionen.

Viele Details und Klischees, die die Autorin einbaut, werden auch gar nicht weiter beleuchtet. Die Mutter von Konrad ist schwanger? Wird einmal erwähnt und danach nie wieder in den Fokus gerückt. Chris' Bruder ist drogenabhängig, nimmt Koks und Alkohol zu sich. Wie er das finanziert? Vollkommen egal, Hauptsache der Problemfall ist da. Paula wurde ausgesetzt? Wie traurig, aber auch nicht so schlimm, als das man sich diesem Thema nochmal widmen würde.

!ACHTUNG! Dieser Abschnitt enthält Spoiler. Wer also das Buch noch lesen möchte, sollte einfach überspringen.

Was würdest Du denken, wenn einer deiner Freunde im Krankenhaus liegt, weil er brutal zusammengeschlagen wurde? "Wie geht es ihm?" oder "Wird er wieder gesund?" Mitnichten, denn der benachrichtige Freund denkt nur "Wie wird die Freundin damit umgehen?" und "Was ist, wenn er stirbt?". Schon komische Gedanken oder?
Und was würdest Du tun, wenn du die hochschwangere Freundin angekettet an ein Bett findest? Helfen? Schlüssel suchen? Die Polizei anrufen? Nein, alles falsch. Du fragst erstmal: "Weißt du, wo der Schlüssel zu den Handschellen ist?" Denn schließlich muss der Fakt dem Opfer, das die ganze Zeit mit verbundenen Augen festgehalten wurde, dies wissen.
Dass Jutta Maria Herrmann ihre Täterin weder die Tür abschließen lässt, bevor sie den erzwungenen Kaiserschnitt durchführt, noch darauf achtet, wie schnell ein Mensch bei einem Schnitt durch die Halsschlagader sterben kann, sind dann nur noch Anekdoten, die mich laut lachen ließen.

SPOILERENDE!

Ich kann diesem Roman nichts positives abgewinnen. Ja, der Stil ist sehr leicht zu lesen und so war ich auch zügig durch, bevor das Buch einmal quer durchs Wohnzimmer flog. Ich bin selten wütend bei einer Lektüre, sondern versuche immer, auch etwas positives oder erwähnenswertes zu finden. Doch bei "Hotline" ist es mir einfach nicht möglich, so gern ich auch wollte. Selbst das Ende, so passend es für die gesamte, mehr als verquere Geschichte ist, trieft nur so vor Schmalz und Hollywood.


Fazit: ich habe selten, wirklich sehr selten ein so schlecht recherchiertes und zeitgleich überfrachtetes Buch gelesen. Weder Thriller, noch spannend oder packend. Vertane Lesezeit!

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