Samstag, 21. Februar 2015

Wer tot ist, kann nicht sterben

(Quelle: Svea Kerling)
Schwarz oder Weiß: Borderliner kennen kein Grau
von Svea Kerling


Psychische Krankheiten sind perfide, denn von außen kann kein Mensch sehen, das man krank ist. Hat man einen gebrochenen Arm oder geht an Krücken, ist es offensichtlich, dass man nicht gesund ist. Doch bei geistigen Schmerzen sehen sich die Betroffenen oft Aussagen wie "Stell dich nicht so an!" oder "Anderen geht es noch schlechter" ausgesetzt. In ihrer autobiografischen Erzählung "Schwarz oder Weiß: Borderliner kennen kein Grau" versucht Svea Kerling ihren Lesern einen Einblick in ihre Welt zu geben.

Und dieser Einblick ist schonungslos und offen. Die Autorin versucht nicht, das Bild von ihr und ihrer Krankheit irgendwie zu verschleiern oder besser darzustellen. Sie erzählt einfach Begebenheiten aus ihrem Alltag, wobei sie sich dabei nicht auf den Alltag an sich, sondern auf ihre Gedanken konzentriert. Das fand ich sehr gut, denn so kann auch ein Außenstehender versuchen zu begreifen, was im Kopf einer Borderlinerin vorgeht.

In den einzelnen Kapiteln schwankt die Laune von Svea Kerling zwischen "Ja, ich schaffe das" und "Himmel, warum lebe ich noch!" Diese extremen Stimmungsschwankungen finden teilweise in wenigen Sätzen statt. Das hat mich erschrocken, aber auch für die Autorin eingenommen. Ich kenne solche Schwankungen aus eigener Erfahrung sehr gut, so extrem hatte ich sie aber bisher noch nicht. Durch ihre ehrliche und offene Erzählweise gibt Svea Kerling ihren Lesern die Chance diese Schwankungen nachzuvollziehen.

Was ich besonders erwähnenswert finde: die Autorin rechtfertigt sich nicht. Sie entschuldigt sich nicht oder zieht sich hinter ihrer Krankheit zurück. Sie beschreibt einfach nur, wie es ihr geht, welche Gedanken sie quälen und wie sie mit dem Druck ihrer Umwelt umzugehen versucht. Dabei erklärt sie weder objektiv, was Borderline genau ist, noch gibt sie einen Einblick in ihre Therapien. Das unterscheidet diese Erzählung so sehr von anderen Büchern, die ich von Betroffenen gelesen habe. Svea Kerling bittet weder um Verständnis noch um Mitleid. Sie will einfach nur zeigen, wie es im Kopf einer Borderlinerin aussieht. Toll!

Der Stil der Autorin ist dabei sehr gut zu lesen. Zwar wirken ihre Erzählungen ab und an hektisch und durcheinander, doch wie sonst sollte man das Chaos in seinem eigenen Kopf zu Papier bringen? Und obwohl es manchmal chaotisch zuging, konnte ich Kerling jederzeit folgen und verstehen.

Fazit: wer sich mit Borderline auseinandersetzen möchte und fernab von jedem Medizinjargon wissen will, wie es Betroffenen geht, sollte zugreifen.


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