6. März 2015

Du darfst dem Grauen nicht in die Augen schauen

Bird Box - Schließe deine Augen
von Josh Malerman

Eine Leseprobe findet ihr hier

Malorie kann ihr Leben nur noch mit verbundenen Augen führen. Der Grund dafür sind Wesen, bei deren Anblick die Menschen verrückt werden. Verrückt und blutrünstig. Daher kennen die Überlebenden nur eine Möglichkeit: sie müssen sich ab sofort ohne Sehkraft durch den Alltag schlagen. Doch Malorie ist nicht allein. Sie hat noch zwei 4-jährige Kinder bei sich, denen sie schon von Geburt an beibringen musste, dass offene Augen den Tod bedeuten können. Und diesen Kindern möchte sie eine andere Zukunft bieten. Deshalb macht sich die kleine Familie auf eine risikoreiche Fahrt ins Ungewisse...

"Bird Box – Schließe deine Augen" ist das Debüt von Josh Malerman und hat mich beeindruckt. Der Autor erschafft eine alltägliche Welt, in der die Angst vor dem Tod die Menschen das opfern lässt, was wir eigentlich so sehr benötigen: unsere Fähigkeit zu sehen.

Die Geschichte wird aus der Erzählerperspektive wiedergegeben. Allerdings folgt man die ganze Zeit nur Malorie und ihren Erlebnissen. So erfährt man hautnah, wie sie den Alltag mit den Kindern bewältigt, wie sie sich auf die Reise begeben und auch, wie es so weit kommen konnte. Denn kapitelweise wird man auch in die Vergangenheit von Malorie geführt und erfährt, wie sie überhaupt so lang überleben konnte.

Dabei ist die Grundstimmung den gesamten Roman über gedrückt, leidenschaftslos und auch beängstigend. Obwohl alle Figuren eher blass bleiben und man nicht viel über ihre Vergangenheit, ihre Beweggründe und Gedanken erfährt, konnte ich dennoch sowas wie Mitgefühl für alle aufbringen. Während des Lesens habe ich mir öfter vorgestellt, wie es für mich wäre, mein künftiges Leben nur noch mit verbundenen Augen leben zu können, niemanden mehr zu vertrauen und ständig mit der Angst zu leben, dass ich angegriffen werde. Und dabei habe ich festgestellt, dass ich zu vertrauensselig wäre. Dies ist mir besonders in einer Szene während Malories Reise aufgefallen. Während Malorie große Skepsis walten lässt, hätte ich längst die Augen geöffnet und wäre damit vermutlich schon tot gewesen.

Ein Fakt hat mich besonders beeindruckt: obwohl alle Figuren Todesängste ausstehen, nicht wissen, wie es weitergeht und sich überhaupt zurecht finden müssen, herrscht im gesamten Buch keine Hysterie. Es scheint, als hätten sich alle mehr oder minder mit der Situation abgefunden und versuchen nun, das Beste daraus zu machen. Was nicht heißt, dass sie von Pioniergeist oder ähnlichem beseelt sind. Sie versuchen einfach nur zu überleben. Und diese Wille kommt sehr gut raus.

Das Ende hat mich dann leicht enttäuscht. Erklärungen liefert Josh Malerman keine, ja nicht einmal den Ansatz einer Idee überlasst er seinen Lesern. Das passt zwar zum gesamten Werk, ich persönlich hätte mir aber mehr Informationen gewünscht.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist distanziert, gefühlskalt und schon hart an der Grenze zur Gleichgültigkeit. Die Gefühle seiner Figuren spricht er kaum an, er erschafft eine beklemmende Umgebung allein dadurch, dass er mit seinem kalten Stil die Hoffnungslosigkeit der Welt transportiert. Für mich hat das sehr gut gepasst, ich kann mir aber genau so gut vorstellen, dass dies einigen Lesern zu wenig sein kann.

Fazit: ein guter Horror-Roman, der mich beeindruckt hat. Wer mit Distanz und Kälte bei Erzählungen klar kommt, sollte zugreifen.

Kommentare:

  1. Hallo Denise,
    das Buch steht schon seit ich es in der Vorschau gesehen habe auf der WuLi und ich denke es wird wieder so ein mag ich/mag ich nicht Buch für uns werden. Ich werde es auf jeden Fall versuchen, denn die Idee dahinter finde ich richtig gut. Danke für deine Rezi, gefällt mir!
    Liebe Grüße,
    Uwe

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    1. Hi Uwe,

      danke für dein Kommentar. Du hast recht: das Buch und auch den distanzierten Stil mag man oder mag man nicht. Dazwischen wird es kaum was geben. Ich freue mich auf deine Meinung!

      LG
      Denise

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