Donnerstag, 26. März 2015

Grandioser Beginn, dann geht die Luft aus

Das Mädchen, das rückwärts ging
von Kate Hamer

Eine Leseprobe findet ihr hier

Beth ist alleinerziehend, ihre Tochter Carmel ist ihrem Alter weit voraus. Die Kleine ist verträumt, nachdenklich und erkennt manche Wahrheit noch vor ihrer Mutter. An einem nebligen Tag besuchen die beiden einen kleinen Markt. Und dort passiert das, was keiner Mutter passieren sollte: Carmel verschwindet. Sie wird entführt von einem Mann, der sich als ihr Großvater ausgibt. Beth dreht fast durch vor Angst, als sie ihre Tochter nicht mehr findet. Eine nervenaufreibende Zeit beginnt, sowohl für Mutter als auch für die kleine Carmel...

"Das Mädchen, das rückwärts ging" ist das Debüt von Kate Hamer. Die Autorin wurde für den Beginn ihres Romans schon ausgezeichnet und auch mir hat der Roman bis auf das Ende gut gefallen. Kate Hamer versteht es, die Ängste der Mutter und die Gedanken der Tochter in so einer Situation sehr gut einzufangen.

Die Geschichte wird abwechselnd von Beth und von Carmel erzählt. Während man bei der Mutter die Verzweiflung spüren kann, bestechen Carmels Erzählungen durch ihre kindliche Verwirrung und die Versuche sich die Situation zu erklären.

Beide Handlungsstränge waren für mich interessant zu lesen, wobei mir die Kapitel der Tochter besser gefallen haben. Beth war apathisch, fast bewegungsunfähig, was ich zwar durchaus nachvollziehbar finde, für mich aber als Leserin nicht unbedingt interessant war. Carmel hingegen erzählt aus ihrem neuen Leben und ihren Versuchen sich in ihrer neuen Familie einzufinden. Das war für mich aus lesetechnischer Sicht spannender.

Kate Hamer konnte auch ihren Erzählstil sehr gut ihren Figuren anpassen. Ich hatte beim Lesen oft das Gefühl, einer 8- bzw. 9-Jährigen zu zuhören, die von ihrem Schicksal berichtet. Beth verlor für mich im Laufe des Romans an Farbe, so dass ich mit ihr nicht mehr mitfühlen konnte. Das war schade.

Die Story an sich ist nicht fesselnd im herkömmlichen Sinn. Ja, das Schicksal von Beth und Carmel ist bewegend und doch dreht sich die Autorin ab einem bestimmten Punkt im Kreis. Das ist realitätsnah, denn was soll eine Mutter auch tun, als immer weiter nach ihrem Kind zu suchen? Und was soll ein entführtes Mädchen tun, als sich mit der Situation irgendwann abzufinden? Hier wäre eine behutsame Kürzung in meinen Augen sinnvoll gewesen.

Das Ende hat mich dann enttäuscht. Ich hatte das Gefühl, Kate Hamer wusste nach dem doch sehr bewegenden Beginn nicht, wie sie ihren Roman beenden soll. Und so überlässt sie Kommissar Zufall die Bühne und handelt den Rest sehr zügig ab. Zu schnell für meinen Geschmack. Hier hätte ich mir genau so viel Fingerspitzengefühl gewünscht wie zu Beginn.


Fazit: ein guter und auch sinnvoller Roman, dem zum Ende hin die Luft ausgeht. Wer sich daran nicht stört, sollte zugreifen.

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