Donnerstag, 14. Mai 2015

Der Schneegänger ging gar nicht

Der Schneegänger
(Sanela-Beara-Fall Band 2)
von Elisabeth Herrmann

Eine Leseprobe findet ihr hier

Berlin in einem der kältesten Winter überhaupt: im Grunewald wird das Skelett eines Jungen gefunden. Kommissar Gehring wird an den Fundort gerufen und muss sich bald eingestehen, dass diese Leiche zu einem Fall gehört, den er seit 4 Jahre nicht lösen konnte. Der Schmerz darüber sitzt tief und der Ermittler nimmt die Akte wieder auf. Dabei wird ihm schnell klar, dass er die Unterstützung von Sanela Beara benötigt. Und das passt ihm gar nicht. Aber wie sonst soll er den Fall lösen?

"Der Schneegänger" ist der zweite Fall von Sanela Beara und konnte mich, im Gegensatz zu seinem Vorgänger, nicht überzeugen. Ich habe den Krimi zu Beginn mit viel Elan gelesen, doch je weiter die Story voranschritt, umso öfter musste ich gähnen und konnte nicht fassen, dass dieses Buch wirklich von der sonst brillianten Elisabeth Herrmann sein soll.

Dabei beginnt die Geschichte durchaus spannend. Aus der Erzählerperspektive verfolgt man über mehrere Kapitel den Ermittlungen von Gehring und dem langsamen Begreifen, dass es sich bei dem Skelett um einen 4 Jahre alten Vermisstenfall handelt. Und da kommt die Studentin und Ex-Streifenpolizistin Sanela ins Spiel. Mehr aus Bequemlichkeit, denn aus wirklicher Überzeugung zieht der Kommissar die Studentin zu dem Fall hinzu. Und wünscht sich bald, es nicht getan zu haben.

Und hier gehe ich mit dem Ermittler konform. Schon in Teil 1 war Sanela Beara für ihre ungewöhnlichen Alleingänge berüchtigt. Dort lief das Ganze aber noch in einem Rahmen ab, den ich für vertretbar hielt. Bei dem nun vorliegenden Fall geht sie mir zu weit. Sie ignoriert Anweisungen, überschreitet Grenzen weit mehr als ihr gut tut und selbst als auch aus objektiver Sicht klar wird, dass sie zu weit gegangen ist, bleibt sie arrogant, überheblich und rechtfertigt ihre Taten vor sich selbst mit dem weichen Argument, dass sie Gerechtigkeit will. Das würde funktionieren, wenn der Krimi in einer fiktionalen Welt voller Superhelden und Bösewichten spielen würde. Doch Elisabeth Herrmann steht für bodenständige und realitätsnahe Romane. Umso mehr bin ich verwundert, dass sie hier ihrer Figur so viel durchgehen lässt.

Für mich wurde es schon unglaubwürdig, als sich Sanela, zwar typverändert, aber dennoch unverkennbar, ins Haus der verdächtigen Familie als Hausmädchen einschleust. Und das, obwohl sie nur Tage vorher dort als Polizistin aufgetreten ist. Natürlich speichert ein Mensch nicht jedes Gesicht ab, dass er im Laufe seines Lebens sieht, aber die Situation hier war für die Familie so außergewöhnlich, dass etwas hätte hängenbleiben müssen.

Zudem nahm der Roman immer mehr an Spannung ab, je weiter er voranschritt. Statt soliden Ermittlungen wurde ich in einen Strudel aus Familiengeheimnissen und Co. gezogen. Das wäre durchaus interessant, wenn ich eben ein Drama lesen möchte. Aber bei einem Krimi erwarte ich mehr. Zumal das Geheimnis eher schleppend enthüllt wird, zwischen den Enthüllungen nichts weiter passiert, als dass Sanela sich durch eine ihrer Ideen in Gefahr bringt und der Leser auf eher schwache falsche Fährten geführt wird.

Ich habe dennoch weitergelesen, denn ich wollte wissen, wie es endet und ob der Krimi zu einem doch guten Ende kommt. Das kommt er nicht wirklich. Das Ende ist zwar nachvollziehbar und passend für die Figuren, jedoch kommt hier weder der große Knall noch endet der Schneegänger in irgendeiner Weise überraschend. Da bin ich von der Autorin anderes gewohnt. Schade!

Der Stil von Elisabeth Herrmann ist gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist unaufgeregt, mit dem Blick fürs Wesentliche und sie versteht es durchaus, ihren Figuren Leben einzuhauchen. Ihre Schreibweise war mit ein Grund, warum ich bis zum Schluss gelesen habe.


Fazit: der Schneegänger ging für mich gar nicht. Schade!

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