3. Juni 2015

Der Blick hinter die Fassade

Lügentanz
von Ivonne Keller

Eine Leseprobe findet ihr hier

Michaela ist eigentlich mit ihrem Leben zufrieden. Sie hat Mann und Tochter und lebt den Traum des Spießbürgertums. Doch hinter der Fassade bröckelt es. Die Mutter hat große Probleme ihrer Tochter Zuneigung entgegenzubringen, ist deshalb sogar in Therapie. Sie kämpft um ihr normales Leben. Bis zu ihrem Geburtstag. An dem fragt Michaela ihren Mann David, ob er sie noch liebt. Und er sagt eiskalt "Nein!". Eine Welt bricht zusammen, bis zu dem Augenblick, an dem David abstreitet, dass es das Gespräch jemals gab. Wird Michaela verrückt?

"Lügentanz" ist mein zweiter Roman von Ivonne Keller und hat mir sehr gut gefallen. Die Autorin lädt ihre Leser ein, einen Blick hinter die Kulissen eines vermeintlich heilen Familienlebens zu werfen und lässt den Traum von Normalität Stück für Stück zusammenbrechen.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler wiedergegeben und man folgt in der Hauptsache 2 Figuren: Michaela, Mutter, Haus- und Ehefrau mit großen Selbstzweifeln und Lena, einer jungen, ausbrechenden Frau, die in ihrem Leben das Weglaufen perfektioniert hat. Wie die beiden aufeinandertreffen und was sie überhaupt miteinander zu tun haben, möchte ich nicht verraten, denn das ist Teil der ganz besonderen Geschichte. Allerdings kann ich sagen, dass mir beide Figuren zu Beginn mehr als suspekt waren und ich erst im Laufe des Romans gelernt habe, sie zu respektieren, ja sogar gern zu haben. Dies bekommen bei mir nur wenig Autoren hin und Ivonne Keller hat es geschafft.

Der Roman selbst entwickelt durch seine unsicheren Figuren und die Rätsel, die sich dadurch dem Leser stellen, eine Sogwirkung. Die Autorin holt ihre Leser in einen Alltag, dem man so überall begegnen kann und zeigt dann scheibchenweise, was hinter der Fassade alles schief läuft. Dabei greift sie aber nicht auf bekannte Klischees zurück, sondern verwandelt ihre Geschichte um Michaela in ein ganz eigenes Stück verqueren Lebens.

Hinzu kommt, dass Ivonne Keller ihre Geschichte mit leisen Tönen ohne abgedrehte Schockmomente oder unrealistischen Wendungen erzählt. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass diese Story durchaus so geschehen kann und habe Mitgefühl für alle Figuren entwickelt. Bei der ein oder anderen Szene überlief mich sogar ein kalter Schauer der Beklemmung, weil die Autorin gewisse Alltagsszenen so mit Angst besetzt hat, dass ich mich selbst umgeschaut habe, ob bei mir alles okay ist. Diese diffuse, hintergründige Beklemmung hat Ivonne Keller so gut hinbekommen, dass mir ganz anders wurde. Genial!

Auch das Ende hat mir sehr gut gefallen. Die losen Fäden werden klug und in sich logisch zusammengeführt, die Erklärungen sind nachvollziehbar und realitätsnah. Während ich beim Vorgänger "Hirngespenster" noch über das Finale enttäuscht war, konnte mich hier die Autorin voll überzeugen.

Der Stil von Ivonne Keller ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist ruhig, unaufgeregt und hat mich von Seite 1 in ihren Bann geschlagen. Durch ihre Ruhe kommt der Schrecken umso plastischer heraus.


Fazit: nichts ist, wie es scheint. Wer ein tollen Roman über die Fassaden im Leben lesen möchte, sollte zugreifen.

Kommentare:

  1. Das Buch ist schon auf meiner Wunschliste, aber zuerst sollte ich auch noch "Hirngespinster" der Autorin lesen.
    (auf dem SuB)
    Liebe Grüße
    Martina

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  2. Die Geschichte klingt extrem interessant! Ist auf jeden Fall schon auf meiner To Do Liste ... :)

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