31. August 2015

Bleib ein Mensch!


Bis ans Ende der Geschichte
von Jodi Picoult

Eine Leseprobe findet ihr hier
Dieses Buch kann Lesen verursachen

Sage arbeitet als Bäckerin dann, wenn andere Menschen schlafen. Und das gefällt ihr, denn seit einem Autounfall ein paar Jahre zuvor trägt sie eine auffällige Narbe im Gesicht. Ihre Mutter kam bei dem Unfall ums Leben und so versucht die junge Frau in einer Trauergruppe ihren Schmerz zu bewältigen. Dort lernt sie auch den über 80-jährigen Josef kennen und freundet sich mit ihm an. Bis er sie bittet, ihm beim Sterben zu helfen. Denn davor gesteht der alte Mann ihr seine Lebensgeschichte...

Ich habe lange auf das Erscheinen von "Bis ans Ende der Geschichte" von Jodi Picoult gewartet und auch dieses Mal wurde ich nicht enttäuscht. Die Autorin befasst sich in ihrem neusten Roman mit den Verbrechen der Nationalsozialisten und insbesondere mit der Vernichtung der Juden. Damit befasst sie sich wieder mal mit einem Thema, das die Menschen bewegt und auch spaltet.

Die Geschichte wird von mehreren Menschen erzählt. So kommt die junge Sage, eine Jüdin ohne Glauben, zu Wort, daneben ihre Großmutter Minka, der alte Mann Josef und auch Leo Stein, dessen Beruf sich am besten mit Nazi-Jäger umschreiben lässt. All diese Personen werfen einen persönlichen und sehr eindringlichen Blick auf die Geschichte des Dritten Reiches. Denn hier knallen die Erfahrungen eines SS-Soldaten mit denen einer Überlebenden zusammen. Zudem muss sich die Nachfahrin die Frage stellen, wie lange jemand eigentlich schuldig ist und ab wann er genug für seine Taten gebüßt hat.

Zugegeben, als mir klar wurde, dass sich die amerikanische Autorin mit dem Thema Nationalsozialsmus auseinander setzt, habe ich mit den Augen gerollt und einfach nur gehofft, dass sie sich nicht für die USA typischen Nazi-Klischees verliert. Denn wie kann eine Amerikanerin sich solch einem für deutsches Publikum immer noch schweren Themas gewissenhaft annehmen?

Doch Jodi Picoult hat mich überrascht. Ohne Klischee, ohne Patriotismus, ja selbst ohne erhobene Moralkeule lässt sie Minka und Josef ihre jeweiligen Geschichten erzählen. Während Josef von seiner Zeit bei der HJ und seiner Karriere bei der SS berichtet, zeigt Minka, wie es sich anfühlte, im Polen der 30er und 40er Jahre leben zu müssen. Beide Sichtweisen sind so eindringlich, so gefühlsecht und so realitätsnah erzählt, dass ich nur schwer wieder aus der Vergangenheit auftauchen konnte um mich meinem Alltag zu widmen.

Die Autorin schafft es spielend, dass ich den Täter als Menschen sehe, als normale Person, die einfach nur das getan hat, was alle tun. Ich hatte Mitgefühl für Josef und habe ihn nach Minkas Erzählungen gehasst, weil sie ein Bild von ihm zeichnete, das so gar nicht zu seinen Berichten passen wollte. Und hier zeigt Jodi Picoult die Schwierigkeit der Vergangenheitsbewältigung: Ein jeder kennt nur seine Sicht und solang man nicht offen dafür ist, die andere Seite zu hören, so lang werden es Hass und Wut leicht haben, Herzen zu erobern und zu besetzen.

Normalerweise höre ich beim Lesen Naturklänge oder sogenannte Study Music. Bei diesem Roman ging es nicht. Ich musste mich voll und ganz auf das Geschehen konzentrieren und darin versinken. Daher bemerkte ich auch nicht, wie die Zeit verging, so dass ich das Buch innerhalb von 2 Tagen fertig gelesen habe. Es ist beileibe keine leichte oder einfache Lektüre. Dennoch bin ich sehr froh, es gelesen zu haben. Jodi Picoult beweist mit ihrem Roman unter anderem, was Vergebung, Sühne und Schuld bedeutet, egal in welchem System man zuhause ist.

Der Stil der Autorin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise hat mich Seite um Seite gebannt, so eindringlich und mit dem nötigen Blick für Emotionen berichtet sie mit ihren Figuren.

Fazit: nicht einfach, nicht locker-flockig, dafür aber umso berührender. Lesen!!


30. August 2015

Wenn deine Nacht nicht zum Schlafen da ist...

Im Schlaf komm ich zu dir
(Nightwalkers Band 1)
von J.R. Johansson

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Parker kann nicht schlafen. Zwar ruht sein Körper, doch sein Geist macht sich auf in die Träume des Menschen, dem Parker als letztes in die Augen geschaut hat. So erlebt der 17-jährige wirre Alpträume, witzige Spassträume und erfährt die geheimsten Wünsche seiner Mitmenschen. Bis er auf Mia trifft. In Mias Träumen kann Parker schlafen. Endlich! Und sein Drang zur Ruhe wird zur Obsession. Und für das Mädchen zu einer Bedrohung, die sie so gar nicht gebrauchen kann...

"Im Schlaf komm ich zu dir" ist der Auftakt einer neuen Jugendbuchreihe von J.R. Johansson und hat mir gut gefallen. Die Autorin entwickelt aus der Idee, dass ein Teenager in die Träume anderer sehen kann, einen spannenden und zugleich ungewöhnlichen Roman.

Die Geschichte wird vom Traumseher Parker selbst erzählt. Er weiß nicht, ob es noch jemanden so wie ihn gibt, geschweige denn, nach welchen Regeln und Gesetzen genau sein Traumsehen abläuft. Er weiß nur, dass er in die nächtlichen Gedanken des Menschen schlüpft, den er im wachen Zustand als letztes in die Augen gesehen hat. Und hier versucht er sein möglichstes, um unangenehme Dinge zu vermeiden. Erst bei Mia kommt er zur Ruhe. Und zeigt dabei, wie gefährlich Schlafentzug sein kann.

Parker ist zwar ein eher ausgeglichener Jugendlicher, doch sein Drang ruhig zu schlafen wird so groß, dass er sich selbst bald nicht wiedererkennt. Und diese Veränderung hat er so beängstigend real und beklemmend beschrieben, dass mir selbst ganz anders wurde und ich mit ihm um seinen geistigen Zustand gezittert habe. Zudem entwickelt sich ein Sog hin zu Mia, gleichzeitig will er das junge Mädchen aber nicht ängstigen und dann muss er auch noch aufpassen, nicht als kompletter Psychopath dazustehen. Diese Konflikte hat die Autorin sehr gut herausgearbeitet und super beschrieben.

Zugegeben, zu Beginn dachte ich, dass J.R. Johansson eine neue Idee in ein altes Klischee packt. Denn Parker sehnt sich logischerweise nach Mia, weil sie ihn als einzige schlafen lassen kann. Doch das Klischee umschifft die Autorin mehr als beeindruckend und gibt ihrem Roman Wendungen, die nicht vorhersehbar sind. Zudem hält sie sich mit Liebesschwüren und pubertären Gefühlsausbrüchen stark zurück, was für mich mehr als erfrischend war.

Die Story an sich entwickelt einen eigenen Sog, hatte aber an 2 bis 3 Stellen gewisse Längen. Hier hätte ich Kürzungen nicht schlecht gefunden, insgesamt hatte ich aber dennoch sehr viel Spaß beim Lesen. Das Ende war mitreißend und mehr als spannend. Zudem bleiben genug offene Enden für die Fortsetzung.

Der Stil von J.R. Johansson ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise passt zum 17-jährigen Parker, ist direkt und schonungslos ehrlich, auf der anderen Seite so manches Mal fast poetisch. Eine tolle Mischung.

Fazit: das Buch hat mich um den Schlaf gebracht. Ich kann es trotz der kleinen Kritik sehr empfehlen.

29. August 2015

Ein Monat bis zum Tod, ein Monat Glücklich sein

30 Tage und ein ganzes Leben
von Ashley Ream

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Clementine, gefeierte Künstlerin in L.A., wird sterben. In 30 Tagen wird sie eigenständig ihrem Leben ein Ende setzen. Doch bevor es so weit ist, tut sie einen Monat lang das, was sie möchte und lässt sich dabei von niemanden aufhalten. Ein großes Ziel der Malerin ist, ihren Vater zu finden, der sie, ihre Mutter und ihre Schwester sitzen gelassen hat. Jedoch: bringt das überhaupt noch was?

"30 Tage und ein ganzes Leben" ist das Debüt von Ashley Ream und hat mir sehr gut gefallen. Die Autorin nimmt uns mit ihrer ruppigen Hauptfigur mit in einen mehr als turbulenten letzten Monat im Leben einer Künstlerin.

Die Geschichte wird von Clementine höchstselbst erzählt. Und diese Frau ist weder direkt sympathisch, noch wirklich herzerwärmend. Die Malerin nimmt in ihren Erzählungen kein Blatt vor den Mund, wirkt egozentrisch und manchmal sogar unbeschreiblich arrogant. Doch je länger ich gelesen habe, desto mehr fragte ich mich: wären wir das nicht alle, wenn wir nur noch 30 Tage zu leben hätten und endlich nur das tun, was wir wollen? Denn genau das hat die Hauptfigur verinnerlicht und zieht es gnadenlos durch. Was zunächst abschreckend wirken kann, hat mich mehr und mehr in den Bann gezogen und ich musste sogar ein ums andere Mal lachen, wenn Clementines direkte Art so gar nicht mit den Erwartungen ihrer Umwelt zusammenpassen wollte.

Dabei erfährt man erst sehr spät, warum sich die Künsterlin überhaupt das Leben nehmen möchte. Denn das steht für sie gar nicht im Mittelpunkt. Viel mehr ist sie darauf bedacht, ihrem Ende planvoll, glücklich und auch befreit entgegen zu gehen. Was mich zunächst nervte, weil ich sehr auf Hintergrundinformationen bestehe, entpuppte sich beim Voranschreiten des Buches als Glücksfall. Denn endlich schaut mal jemand nicht auf das negative am Lebensende, versinkt nicht im Selbstmitleid und "hätte ich doch", sondern sorgt mit ihrer spröden und kantigen Art dafür, dass man als Leser ab und an sogar vergisst, warum der Countdown läuft.

Die Geschichte an sich hat mich berührt, lachen lassen und so manches Mal hätte ich Clementine eine knallen können. Dabei sind die Erzählungen kapitelweise so konfus wie die Hauptfigur selbst. Und dennoch hatte ich kein einziges Mal das Gefühl den Faden zu verlieren oder nicht zu wissen, was die Malerin nun wieder ausheckt.

Neben Clementine habe ich ihren Kater Chuckles ins Herz geschlossen. Dessen Verhalten erinnerte mich sehr an meinen eigenen Stubentiger und ich konnte sehr gut verstehen, warum Clementine sicher gehen wollte, dass er ein anständiges Zuhause bekommt.

Das Ende hat mich überrascht und lässt mich leicht enttäuscht zurück. Es ist durchaus eine runde Sache und ja, ich kann alles nachvollziehen, doch passender wäre für mich eine andere Art von Finale gewesen. Dennoch vermute ich, dass sich hier die Autorin etwas dabei gedacht hat und vielleicht in ihrem zweiten Roman aufklären wird.

Der Stil von Ashley Ream ist sehr gut und flüssig zu lesen. Die Erzählweise ist schnoddrig, geradeaus und null darauf bedacht, was der Leser nun denken könnte. Ich habe mich damit sehr wohl gefühlt und konnte mich dadurch auch gut in die Hauptfigur hineinversetzen.

Fazit: ein Buch über das Sterben, bei dem man das Sterben vergisst. Ich kann es sehr empfehlen.

27. August 2015

Du gehörst mir bis in den Tod!

(W)ehe du gehst
von Jannes C. Cramer

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Kira flieht nach Jahren der Unterdrückung endlich vor ihrem gewaltätigen und herrischen Ehemann Jonas. Ihre beste Freundin Juliane hilft ihr nach Ibiza zu verschwinden. Doch Jonas lässt diesen Verrat nicht auf sich sitzen. Auf brutale Art und Weise findet er heraus, wo sich seine Frau versteckt hält. Und er will sie zurück, koste es, was es wolle!

"(W)ehe du gehst" ist mein erster Thriller von Jannes C. Cramer und hat mir insgesamt gut gefallen. Der Autor nimmt sich dem Thema Gewalt in der Ehe und extreme Eifersucht an und zeichnet mithilfe seines männlichen Protagonisten ein blutiges und schaurig-schönes Bild.

Die Geschichte wird aus der Sicht eines auktorialen Erzählers berichtet. Dabei folgt man nicht nur Kira auf der Flucht, sondern wird auch in Jonas' Gedankenwelt gezogen, ermittelt gemeinsam mit der Polizei, wo sich der Ehemann mit seiner Frau aufhält und im späteren Verlauf kommen sogar noch 3 bis 4 Sichtweisen hinzu. Und obwohl das nach sehr viel Trubel klingt, konnte ich dem Thriller ohne Probleme folgen. Jannes C. Cramer überschreibt seine Kapitel mit der jeweiligen Zeit, z.B. 2 Monate davor oder wenig später, und trennt die einzelnen Sichtweisen sehr gut voneinander. So kam ich beim Lesen nicht ins Straucheln und wusste immer, wo, wann und wer ich gerade bin. Toll!

Das Hauptaugenmerk der Story liegt auf der Flucht von Kira und auf der späteren erzwungenermaßen gemeinsamen Reise mit ihrem Ehemann. Die Polizei spielt hierbei nur eine sehr kleine Rolle, ist fast schon vernachlässigbar. Dies hat mich aber nicht gestört, da der Roman durch die Eifersucht des Ehemannes und die Angst der Ehefrau lebt. Tiefe oder weitreichende Erklärungen der Ermittlungsarbeit waren nicht notwendig.

Bei Jonas hätte ich mir mehr Tiefe und Beweggründe gewünscht. Der Mann ist egozentrisch, eifersüchtig bis ins Mark und überaus brutal. Das machte dieses Buch für mich so anziehend. Allerdings hätte ich gern gewusst, woher seine Verhaltensweisen kommen, wie Kira sich auf ihn einlassen konnte und warum sie den Ausstieg nicht fand. Das hätte der Story in meinen Augen den letzten, spannenden Schliff gegeben.

Auch die Morde geschehen fast nebenher. Das passt zwar zu dem Täter, hier hätte ich mir dennoch zumindest beim ersten Mord mehr Zeit gewünscht um die Gefühlslage zu begreifen. Durch die schnellen Wechsel ging dies etwas verloren. Nicht dramatisch für das Lesevergnügen, aber dennoch schade.

Die Story an sich hat mich gefesselt und ich bin sowohl Kira als auch Jonas quasi hinterher gespurtet. Die hinzukommenden Figuren sind gut dargestellt und zeigen erst im Verlaufe, was wirklich in ihnen steckt. Das hat dem Roman einen Extra-Pfiff verliehen.

Der Stil von Jannes C. Cramer ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist rasant, ohne Schnörkel und störende Details. Ab und an hätte ein Auge für tiefere Beschreibung gut getan, dennoch hatte ich insgesamt echt Spaß beim Lesen.

Fazit: ein solider Thriller, der sich mal nicht mit Polizeiarbeit beschäftigt. Wer mit den kleinen Abstrichen klar kommt, sollte zugreifen.

26. August 2015

Wofür lebst du?


Das was man Leben nennt
von Lara Licollin


Zoe will sich das Leben nehmen. Ihr Entschluss steht fest und die 19-jährige Studentin weiß auch, wie sie es tun möchte. Von der Brücke will sie springen. Doch daraus wird nichts, denn Ben, ein 39-jähriger Computerfachmann, beobachtet sie zufällig und hält sie vom Sprung ab. Warum tut er das? Was macht sein Leben lebenswert? Und warum sollte Zoe auf ihn hören?

"Das was man Leben nennt" ist mein erster Roman der jungen Autorin Lara Licollin und lässt mich sehr nachdenklich zurück. Sie nimmt sich dem Themen Suizidwunsch und Depression an und zeigt auf sehr eindringliche Weise, was dies in einem Menschen bewirkt.

Die Geschichte wird kapitelweise von Ben und Zoe aus der Ich-Perspektive erzählt. Zu Beginn war ich leicht verwirrt, da die Kapitel nicht gesondert gekennzeichnet sind, doch schnell kam ich drauf, dass es hier 2 Erzähler gibt. Während man mit Zoe in tiefer Trauer versinkt, den Lebensmut verloren glaubt und das Leben hasst, erfährt man mit Ben, wie es ist, ein junges Leben zu retten und sich dann selbst in Frage stellen zu müssen. Diese Mischung hat das Buch für mich eindrucksvoll gemacht.

Lara Licollin zeichnet mit Zoe keine Jugendliche, die nur aus Sucht nach Aufmerksamkeit ihrem Leben vermeintlich ein Ende setzen möchte. Auch hat die Studentin keinerlei romantische Gedanken, wenn sie über ihren Tod nachdenkt. Das fand ich sehr ergreifend und wahrheitsgetreu. Der Wunsch nach Selbstmord ist kein "Hilfeschrei", kein "Hype" oder gar eine Lebenseinstellung. Zoes Verlangen nach dem Tod ist so schmerzlich real, so gefühlstief dargestellt und die Autorin trifft dabei genau jene Gedanken, die keinem fremd sind, der schon mal darüber nachgedacht hat, sein Leben aus eigener Kraft zu beenden.

Zunächst dachte ich, dass Ben als der typische, lebensfrohe und immer gute Laune habende Gegenpart herhalten muss. Doch das tut er beileibe nicht. Im Gegenteil: der fest im Leben stehende Mann lässt sich durch wenige Gespräche mit der 19-jährigen in seinen Gedankenstrukturen erschüttern, stellt sein eigenes Leben in Frage und beginnt zum ersten Mal ernsthaft darüber nachzudenken, was ihn eigentlich antreibt. Das fand ich sehr gut und außergewöhnlich, denn oft wird in Romanen eine weichgezeichnete und romantisierte Form der Rettung a la "Das Leben ist schön, die Vögel singen, etc" genutzt. Hier nicht! In diesem Roman wird dem Leser schmerzlich vor Augen geführt, was es heißt, mit jemanden zu reden, dessen Todeswunsch feststeht. Ein großes Lob an die Autorin, das ist ihr wahrlich gelungen!

Das Ende gibt einen Ausblick, wie es mit Ben und Zoe weitergeht. Ja, hier kommen dann doch ein paar Klischees hoch, jedoch empfand ich sie in diesem Moment als passend, da Zoe auch in diesen Fall nicht vergessen hat, wie es ihr mal ging und dass sie ab und an immer noch "Rückfälle" hat.

Der Stil von Lara Licollin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist gefühlvoll, traurig und sogar tiefgründig. "Das was man Leben nennt" ist kein Unterhaltungsroman, bietet aber einen sehr guten Einblick in die Gedankenwelt von Menschen, die das Leben nicht mehr lebenswert finden.

Fazit: ein für mich wichtiges Buch, das mich nachdenklich zurücklässt. Ich kann es trotz des schweren Themas empfehlen!

24. August 2015

Wenn ein Fall zu glatt läuft...

Die Schuld der Engel
von L.C. Frey

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Karl Sauer hat nur noch wenige Wochen bis zu seiner Pensionierung. Und darauf freut sich der Polizist sehr. Bis ihm sein Chef die Ermittlungen in einem aufsehenerregenden Mordfall überträgt. Schnelle Ergebnisse sind gefragt. Und die kann Karl gemeinsam mit seiner Kasseler Kollegin Selina Gülek vorlegen. Doch irgendwas passt für den Ermittler nicht ganz. Die Lösung ist ihm zu glatt. Oder sieht er Gespenster, wo keine sind?

"Die Schuld der Engel" ist der erste reine Thriller von L.C. Frey und hat mich begeistert. Zwar ist dieser Roman zumindest in seiner ersten Hälfte mehr Krimi als Thriller, dafür zeigt der Autor, dass er auch ohne übersinnliche Elemente sehr gut auskommt.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man zum Einen den Ermittlungen von Karl Sauer, zum Anderen darf man vor der eigentlichen Zusammenarbeit die Polizistin Selina Gülek kennenlernen. Die taffe türkischstämmige Frau versprüht nicht nur Witz und Humor, sondern beweist schon früh Köpfchen und Kombinationsgabe. Toll! Auch der Täter kommt ab und an zu Wort und versucht seine Tat zu erklären. Diese Mischung, zu der sich später noch eine wichtige Sichtweise hinzugesellt, hat mir sehr gut gefallen.

Die Figuren, allen voran Sauer und Selina, sind sehr gut ausgearbeitet und haben eine wohltuende Tiefe. Und selbst, wenn sie nur eine kleinere Rolle spielen, wie zum Beispiel der IT-ler Alfons, konnte ich mir dennoch sehr gut vorstellen, wie sich die Zusammenarbeit gestaltet. L.C. Frey hat sich in seinem Werk genug Zeit genommen um jeder Person Raum zu geben sich zu entfalten. Das war erfrischend, denn gerade bei Thrillern hetzt man doch gern mal durch verschiedene Vita, um am Ende dennoch kaum eine der Figuren wirklich zu kennen. Hier jedoch hatte ich das Gefühl, ich könnte mich mit den Ermittlern an einen Tisch setzen und wüsste sofort, wie sie reagieren.

Auffällig war die Normalität, die sich durch den Thriller zog. Und das meine ich ganz und gar positiv. Während ich bei so manchen Werken fast mit Übermenschen zu tun habe, hatte ich hier durchgängig den Eindruck, dass der Ermittleralltag sehr realitätsnah und wahrheitsgetreu dargestellt wird. Karl Sauer, Selina Gülek und alle anderen Kollegen sind keine Superhelden, haben keine fast übersinnlichen Eingebungen oder fallen per Zufall über Beweise. Es herrscht eine Bodenständigkeit, die sehr gut zum Thriller gepasst hat.

Die Story selbst hat mich von Seite 1 gefesselt. Zwar hetzte mich der Autor nicht durch Leipzig, doch konnte ich das Buch kaum zur Seite legen. Die Handlung hat mich einfach in ihren Bann gezogen und kaum losgelassen. Und dabei gibt es eher wenig Blut und Gewalt, dafür aber viele Gedankengänge, Kniffe und auch Bluffs. Eine für mich sehr gute Mixtur.

Der Stil von L.C. Frey ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist herrlich humorig, direkt und bewirkte, dass ich gerade die Hauptfigur Karl Sauer schnell ins Herz schloss. Obwohl der weder DVD noch Smartphones wirklich kennt.

Fazit: erst ein Krimi, dann ein Thriller, schlussendlich aber ein echter L.C. Frey. Ich kann das Buch empfehlen!

21. August 2015

Die Wahrheit ist nicht vielschichtig, sondern einfach nur plump

Layers
von Ursula Poznanski

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Dorian ist 17 und lebt auf der Straße. Eines Nachts wacht er neben der Leiche eines ihm bekannten Obdachlosen auf, Dorians Taschenmesser in dessen Blut. Noch bevor der Junge richtig begreifen kann, was los ist, wird er von einem jungen Mann angesprochen und in eine große Villa gebracht. Dort trifft Dorian auf andere Straßenkinder und bald auch auf seinen Gönner. Dessen einzige Bedingungen: lernen und gewisse Aufträge erfüllen. Dafür bekommen die Jugendlichen Obdach, Essen und Bildung. Klingt doch gut, nur merkt Dorian schnell, dass nicht alles so toll ist, wie es scheint...

"Layers" ist nach Erebos mein zweiter Jugendthriller von Ursula Poznanski und hat mich sehr enttäuscht. Während Erebos bei mir eingeschlagen hat wie eine Bombe, ist Layers nur ein einsamer, nicht zündender Knallfrosch.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet, allerdings folgt man nur Dorian und seinen Erlebnissen. Der Junge, der vor seinem gewalttätigen Vater geflohen ist und Anwalt werden wollte, wirkte auf mich zunächst sympathisch und intelligent. Je weiter der Roman jedoch voranschritt, desto mehr hätte ich Dorian einfach nur schütteln, erwürgen und eine knallen können. Obwohl er auf der Straße gelebt und gelernt hat, nicht jedem zu vertrauen, führt er die Anweisungen seines Gönners sofort und ohne Nachfrage aus, egal wie komisch oder unsinnig sie anmuten. Er hält sich an Regeln, die für mich als Leserin schon keinen Sinn ergeben und rebelliert auf der anderen Seite bei Aufträgen, die er vorher klaglos hingenommen hat. Diese Unbeständigkeit und auch teilweise, ich kann es leider nicht anders sagen, Blödheit der Hauptfigur haben mir das gesamte Werk vermiest.

Auch die Story selbst ist mir zu abgedreht und zu weit weg vom wirklichen Leben. Dorian soll zum Beispiel Botengänge erledigen. Die Botengänge sind sowas von undurchsichtig, dass die Ausrede, bei den Boxen handele es sich um Werbegeschenke, null fruchten würde. Auch bei Jugendlichen nicht. Zudem geschehen viele Dinge sehr schnell, ohne Erklärung und werden von jeder Figur als gegeben hingenommen. So einfach ist keiner gestrickt, selbst der verzweifelste Teenager nicht.

Mir fehlt hier komplett die Tiefe, die ich aus Erebos kenne. Für mich ist die Geschichte zu weit weg von der Realität und zu wenig Informationen, als das ich sie für voll nehmen kann. Hinzu kommt, dass über mehrere Kapitel hinweg es einfach nur darum geht, ob Dorian nun links- oder rechtsrum flüchtet, wo er sich versteckt und dass er einen ruhigen Platz zum Schlafen findet. Das ist ein oder zwei Kapitel lang durchaus interessant, danach einfach nur langweilig, weil sich absolut nichts ändert.

Das Geheimnis, dem der Teenager auf der Spur ist, erinnerte mich sehr stark an Marc Elsbergs Roman Zero. Und somit konnte mich die Autorin mit diesem Twist auch nicht überraschen. Zu abgedroschen ist die Idee mittlerweile, zu bekannt die technischen Möglichkeiten. Schade!

Als wenn das noch nicht genug wäre, gibt es Recherchefehler. Ein Beispiel: Dorian soll das Paket übergeben, kommt aber nicht mit dem Aufzug in den 12. Stock, da dieser nur mit Mitarbeiterausweisen funktioniert. Also nimmt er das Treppenhaus. Ohne Probleme. Das ist Quatsch. Solche Bürogebäude sind i.d.R. auch am Treppenhaus gesichert, ansonsten wäre ja das gesamte Sicherheitskonzept nichts wert.
Bis zur Hälfte habe ich durchgehalten, dann konnte ich mich einfach nicht mehr auf Dorian und seine Handlungen konzentrieren. Es wurde für mich immer unglaubwürdiger, dass er monatelang auf der Straße überlebt hat, denn er zeigte in seinen Gedankengänge weder schnelles Begreifen noch wirklichen Kampfgeist. Dass er dann auch noch übertrieben schwärmerisch auf ein bestimmtes Mädchen reagierte und sich ohne sie nach ein paar Tagen die Welt nicht mehr vorstellen konnte, tat sein Übriges.

Der Stil von Ursula Poznanski ist gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist rasant und vermag durchaus zu fesseln, wenn die Story einfach nur besser gewesen wäre.

Fazit: Selten habe ich eine so dusslige Hauptfigur mit so wenig Sinn fürs Leben kennengelernt. Ich kann es nicht empfehlen!

18. August 2015

Was kommt nach dem Tod?


Die Lektion des Todes
von Luca Veste

Eine Leseprobe findet ihr hier

In einem Park in Liverpool wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie ist weder übel zugerichtet, noch scheint sie missbraucht worden zu sein. Bei der Obduktion findet der Gerichtsmediziner allerdings einen Brief, der darauf hindeutet, dass diese Tote nicht die erste und letzte sein wird. DI David Murphy geht zunächst von einer Finte aus und sucht den Täter im Umfeld des Opfers. Bis es eine zweite Leiche und somit einen zweiten Brief gibt...

"Die Lektion des Todes" ist das Debüt von Luca Veste und hat mich restlos begeistert. Der Autor entführt seine Leser mit der Frage "Was kommt nach dem Tod?" in ein psychologisches Verwirrspiel und nimmt dabei auch keinerlei Rücksicht auf die Verfassung seiner Ermittler.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man nicht nur dem Ermittlerteam Murphy/Rossi, sondern muss auch mit einem der Opfer leiden, sowie eine Reise in die Vergangenheit auf sich nehmen. Auch der Täter bekommt ab und an Aufmerksamkeit, die er gebührend nutzt. Diese Mischung hat mich sehr gefesselt, zumal nicht von Beginn an klar ist, wie die Vergangenheit mit der jetztigen Situation zusammenhängt. Hervorragend!

Der Ermittler David Murphy hat es mir angetan. Dieser Fall ist sein erster, nachdem er vor fast einem Jahr selbst Opfer einer Tragödie wurde. Obwohl der große Mann, den seine Freunde immer noch Bär rufen, sich selbst einredet, dass alles okay ist, merkt man seinen Ermittlungen und auch Gedankengängen an, dass er nicht so stabil ist, wie er sein sollte. Und so kommt in manchen Situationen alles in ihm hoch und er hat sich kaum noch unter Kontrolle. Luca Veste beschreibt diese Szenen sehr realitätsnah und ich konnte den Schmerz des Inspectors fühlen, auch wenn der Ermittler selbst kaum Emotionen zeigt.

Seine Partnerin Laura Rossi muss sich hingegen nicht nur mit einem labilen Chef, sondern auch noch mit einem chauvinistischen Kollegen herumschlagen. Und dieser lässt seinen männlichen Stolz mehr als offensiv raushängen. Ich hätte diesen Typen mehr als einmal erwürgen können. Rossi selbst machte auf mich einen bodenständigen und eifrigen Eindruck, bekommt meiner Meinung nach aber zu wenig Raum, um sich wirklich präsentieren zu können. Hier hoffe ich einfach, dass es bald eine Fortsetzung gibt.

Die Story selbst ist packend und fesselnd. Luca Vestes Augenmerk liegt nicht auf blutigen Details oder übel zugerichteten Leichen, sondern auf den Abgründen der Psychologie. Und das war für mich mehr als schaurig. Denn der Autor dringt mit dem Leser tief in die Gedankenwelt des Täters ein, zeigt, nach welchen Maßstäben dieser handelt und mit welchen, doch wissenschaftlichen Argumenten er versucht, seine Taten zu untermauern. Und das Schlimme dabei war für mich: ich konnte ihn voll und ganz verstehen. Vom wissenschaftlich-interessierten Standpunkt aus gesehen konnte ich die Taten sehr gut nachvollziehen, auch weil Luca Veste seine Leser behutsam und fast heimtückisch dorthin führt. Wahnsinn!

Das Ende war für mich schlüssig und sehr gut. Auch wenn der Autor hier auf einen bekannten Kniff zurückgreift, hat es für mich gepasst und ich hoffe, dass es bald einen zweiten Thriller mit Murphy und Rossi geben wird.

Der Stil von Luca Veste ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist fesselnd und leicht frech, so dass ich manches Mal grinsen musste. Er berichtet mit Fingerspitzengefühl, aber ohne falsche Scheu von den Taten und zerrt seinen Leser unbemerkt in Tiefen, in die man so nicht vordringen wollte. Grandios!


Fazit: ein mehr als überzeugender Debüt-Thriller. Mehr davon!! Eine klare Leseempfehlung!


17. August 2015

Die Realität verschwand im Nebel

Nebelkind
von Emelie Schepp

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Ein Mann wird erschossen in seinem Haus aufgefunden. Die Spurensicherung findet Fingerabdrücke an einem Fensterglas. Und zwar von einem Kind. Doch das kann nicht sein, denn Kinder morden nicht. Also steht die Ehefrau unter dringendem Tatverdacht. Bis die Leiche eines 9-jährigen auftaucht, dessen Abdrücke haargenau zu denen in dem Haus des Toten passen. Was ist passiert? Staatsanwältin Jana Berzelius übernimmt den Fall und merkt schnell, dass sie mehr damit zu tun hat, als sie je zu träumen gewagt hätte.

"Nebelkind" ist das Debüt der Schwedin Emelie Schepp und konnte mich leider nur bis zu einem gewissen Punkt überzeugen. Ihre Idee, Kinder morden zu lassen und dabei auch noch eine dunkle Vergangenheit der Staatsanwältin einzubauen, ist richtig gut, jedoch gerät die Umsetzung im Laufe des Romans zu weit weg von der Realität.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man neben der Staatsanwältin, einer eher unterkühlten Frau, auch dem Team aus Polizisten, die bei den Ermittlungen nicht nur mit beruflichen Herausforderungen zu kämpfen haben. Zudem gibt es in den einzelnen Kapiteln immer wieder Flashbacks in die Vergangenheit zu einem kleinen Mädchen, das zum Killer ausgebildet wurde. Diese Mischung fand ich hochspannend und auch gelungen. Sie machte den Thriller reizvoll.

Gereizt haben mich aber auch die Figuren, die Emelie Schepp erschaffen hat. Als Beispiel greife ich mir mal Mia, eine der Polizistinnen raus. Die Beamtin hat einen für mich unerklärlichen Hass auf die Staatsanwältin, verteufelt gern alles, was von ihren männlichen Kollegen gesagt wird und scheint zudem ein Alkohol- und Geldproblem zu haben. Warum? Tja, das bleibt im Dunkeln. Es gibt immer wieder nur kurze Szenen, in denen es deutlich wird. Aber über die Hintergründe schweigt sich die Autorin aus. Dadurch wirkte Mia auf mich einfach nur zickig, gewollt rebellisch und hat mich schon nach 2 Auftritten genervt. Ich mag ab und an auch verquere Charaktere, aber Mia war für mich einfach nur gewollt und nicht glaubwürdig. Das hat meinen Lesespaß schon getrübt.

Ungefähr bis zur Hälfte hat mich der Thriller gefesselt und ich wollte unbedingt wissen, was wie hinter den Morden steckt. Bis die Jana Berzelius anfing, auf eigene Faust zu ermitteln. Denn die junge Staatsanwältin zeigt sich da nicht so besonnen und kühl, wie sie es in den sonstigen Ermittlungen tat. Sie wirkte auf mich eher wie ein Huhn ohne Kopf. Dadurch brachte sie die eigentlichen Erfolge der Polizei in Gefahr, scherte sich aber kein bisschen darum, weil für sie nur ihr eigenes Geheimnis zählte. Hinzu kommt, dass das Team, welches mit den Ermittlungen betraut ist, so blind war, dass sie mit keinem Funken daran dachten, mal zu fragen, was die Anwältin so treibt, wenn sie nicht vor Ort ist. Dass Jana Berzelius auch noch eine Expertin im Spuren vernichten ist, muss ich nicht mehr erwähnen.

Meine Hoffnung lag dann in einem zumindest schlüssigen Ende und die Dramatik war von der Autorin auch gut gesetzt. Allerdings war für mich das Finale zu weit weg von der Realität, die Polizei zu schnell zufrieden und gewisse Details wurden einfach unter den Tisch fallen gelassen. Ein Beispiel? Aus anderen Thrillern ist mir bekannt, dass durch einfaches Abwischen der Waffen zwar die Fingerabdrücke verschmiert, aber nicht vollständig beseitigt werden. Komisch, dass dies DER Spurenexpertin im Team, die vorher noch in den Himmel gelobt wurde, nicht aufgefallen ist. Genau so ist es mit der Positionierung von Leichen. Hier kann im Nachgang festgestellt werden, wie und in welcher Art sie bewegt wurden. Echt enttäuschend!

Der Stil von Emelie Schepp ist gut zu lesen. Ihre Erzählweise ist nordisch unterkühlt, direkt und ohne Schnörkel. Das hat mir gut gefallen.

Fazit: es hätte so toll werden können, aber dann verschwand die Spannung im Nebel. Schade!

14. August 2015

Daddy is back!


Papa
von Sven Hüsken

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Thomas Reid ist Ehemann, Familienvater und Serienmörder. Seine Frau Michelle fällt aus allen Wolken, als die Polizei ihren geliebten Mann festnimmt und vor Gericht stellt. Dies ist nun 2 Jahre her und Thomas fristet sein Dasein in einer geschlossenen Klinik. Michelle und ihre Tochter Lilly versuchen ein normales Leben zu führen...bis Thomas ausbricht. Obwohl die Polizei direkt mit der Suche beginnt, gibt es die erste übel zugerichtete Leiche. Michelle versucht ihre Tochter zu schützen. Und dennoch verschwindet Lilly spurlos....

"Papa" ist mein erster Thriller von Sven Hüsken und hat genau meinen Nerv getroffen. Der Autor geht brutal, blutig und mit einer Konsequenz an die Taten, dass ich teilweise mit offenem Mund und einer unstoppbaren Wissensgier weitergelesen habe.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler wiedergegeben. Dabei folgt man zum Einen Michelle und ihrer Tochter Lilly, zum Anderen aber auch den ermittelnden Beamten Maik und Robert. Zum Dritten kommt auch der Täter ab und an zu eigenen Kapiteln, was ich persönlich sehr reizvoll finde.

Während die Polizei schnell weiß, wen sie verfolgt und wie Thomas vorgeht, schwört sich Michelle, nie wieder von einem Mann das Leben zerstören zu lassen, egal wie mörderisch dieser Typ auch sein mag. Der Täter selbst hingegen wirkt so abstrus und der Welt entrückt wie seine Taten. Das gab dem Thriller den richtigen Kick. Gern hätte ich noch mehr Einblicke in das Hirn des Bösen bekommen. Dennoch empfand ich die Mischung der Figuren und ihre Wege als sehr ausgewogen.

Einen herausragenden Sympathieträger gab es für mich nicht. Jede Figur hatte ihre Schattenseiten. Robert zum Beispiel stellt die Rettung von Lilly über jeden beruflichen Kodex und schreckt auch vor Erpressung und Bedrohung nicht zurück. Die Klinikleiterin Dr. Kramme habe ich schon nach ein paar Sätzen gefressen, denn ihr ist der Ruf der Klinik wichtiger als die Sicherung von Thomas Ried. Und schließlich Michelle, die als liebende Mutter jeden Weg geht, egal wie unsinnig, gefährlich oder hirnrissig er auch sein mag. Und obwohl jede Person unsympathische Seiten hatte, konnte ich ihre Handlung dennoch nachvollziehen. Sven Hüsken lässt seine Figuren für sie schlüssig und logisch handeln und macht es somit auch dem Leser leicht Verständnis aufzubringen. Toll!

Die Story ist von Beginn an fesselnd und erzeugt durch ihre Brutalität und Direktheit einen ganz eigenen Sog. An dieser Stelle sei gesagt, dass der Autor weder Opfer noch Leser schont und detailreich den Zustand der Leichen beschreibt. Dies könnte für manchen zu viel sein, für mich war es genau richtig. Denn es ist trotz allem kein Splatter, bei dem das Blut zum Effekt fließt. Jede Leiche hat ihre traurige Bedeutung.

Ich muss zugeben, dass ich relativ schnell eine Ahnung hatte, wohin Sven Hüsken mit mir wollte. Dennoch fand ich die Auflösung mehr als spannend und zudem auch gut dargestellt. Allerdings hätte ich mir mehr Details und Erklärungen aus psychologischer Sicht gewünscht um es noch erlebbarer zu machen, warum der Täter so handelt, wie er es tut.

Der Stil des Autors ist sehr gut und leicht zu lesen. Seine Erzählweise ist brutal ehrlich, detailreich und ab und an ein Schlag ins Gesicht. Warum soll es den Lesern anders gehen als den Figuren? Dies ist aber sehr positiv gemeint, denn dadurch konnte ich sehr gut in der Geschichte verschwinden und fühlte mich zum Schluss ebenso gehetzt wie die Ermittler. Grandios!


Fazit: Papa ist wieder da und schlimmer als zuvor! Eine klare Leseempfehlung an alle Thriller-Fans!

12. August 2015

Wenn ein Schachspiel dein Leben bestimmt


Bulletschach
(Johannes Thiebeck Band 1)
von Ben Bauhaus

Eine Leseprobe findet ihr hier

Johannes Thiebeck, ehemaliger Hauptkommissar beim Berliner LKA und nach der Suspendierung leidenschaftlicher Schachboxer, wird von 2 seiner ehemaligen Kollegen verhört. Thiebeck wurde sein Auto vor ein paar Tagen gestohlen und jetzt ist es wieder aufgetaucht. Mit einer Leiche im Inneren. Klar, dass der ehemalige Polizist sofort verdächtig ist. Doch er hat mit der Leiche nichts zu tun, schlimmer noch, er kannte den Toten persönlich. Die Ermittlungen werden eingeleitet, da passiert ein zweiter Mord: ein ehemaliger Kollege aus Thiebecks Zeit beim MEK wurde getötet. Und ausgerechnet mit diesem Kollegen spielte Johannes Schach. Doch jetzt hat der Täter die Rolle übernommen. Was will er?

"Bulletschach" ist der erste Thriller von Ben Bauhaus und hat mich begeistert. Der Berliner Autor entführt seine Leser in die Welt des Schachboxens und zeigt dabei auf, dass man zwar einen Ermittler aus der Polizei, aber nie die Polizei aus einem Ermittler bekommt.

Die Geschichte wird von der Hauptfigur Johannes Thiebeck, auch Johnny T. oder das Tier genannt, selbst erzählt. Der ehemalige Polizist markiert nicht nur den harten Kerl, er ist tatsächlich einer. Und als solcher hat er mich direkt überzeugt. Zu oft habe ich mit Ermittlern "gearbietet", die sich dem Alkohol, Zigaretten oder solch einem Sport wie Laufen verschrieben haben. Johnny ist da erfrischend anders. Er liebt das Schachboxen, ein Mix aus Boxen und Schach spielen, ist dadurch fit wie ein Turnschuh, nicht abgehalftert und auch noch intelligent. Seine rauhe Art ist kein Machogehabe, sondern Teil seiner Persönlichkeit, den er nicht einfach abstreift, sondern lebt und liebt. Das macht ihn für mich so glaubwürdig und menschlich. Toll!

Passend zum Rauhbein Thiebeck gibt es auch noch den Unsympath Mirko Densch. Der Polizist hat Johnnys Stelle eingenommen und kann es nicht lassen, diesen Fakt dem ehemaligen Ermittler unter die Nase zu reiben. Als Leser bekommt man gar keine Chance, Densch irgendwie sympathisch zu finden, denn Thiebecks Groll geht tief und so kann er es auch nicht lassen, jede Aussage Denschs mit einem sarkastischen Kommentar zu belegen. Ist mir Densch dennoch sympathisch geworden? Natürlich nicht. Aber ich muss sagen, dass ich die Scharmützel zwischen den Beiden schon gern habe.

Die Story ist spannend und zugleich fesselnd geschrieben. Ben Bauhaus übertreibt es weder mit Opfern noch mit unsagbar unglaublichen Zufällen. Seine Ermittler sind glaubwürdig, menschlich und keine Superhelden. Daher fand ich auch den Einblick in die Arbeit, die das gesamte Team leistet, sehr ansprechend, realitätsnah und habe mich direkt integriert gefühlt.

Das Finale fand ich sehr gut und erfrischend bodenständig. Endlich mal kein Polizist, der sich überschätzt, dessen Handy sich im entscheidenden Moment verabschiedet oder der, nach einer heftigen Prügelei, wie der junge Morgen wieder im Büro sitzt. Der Autor hat hier wirklich die Realität walten lassen und damit ein passendes, wie auch überzeugendes Ende geschaffen.

Der Stil von Ben Bauhaus ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist schnörkellos, passend für einen gestandenen, fast rüden Mann und dennoch so detailreich, dass ich mich in der Geschichte verlieren konnte.


Fazit: ab ans Brett, spielt um euer Leben! Eine klare Leseempfehlung!


8. August 2015

Ein ganz normaler Tag in den dunklen Kreisen von Berlin


Drecksspiel
von Martin Krist

Eine Leseprobe findet ihr hier

Hannah ist aufgeregt. Ihr Mann Philip überrascht sie und ihre kleine Tochter Millie mit einem Ausflug,so wie früher. Nur wird nichts wie früher ein...
Privatermittler David Gross führt seit ungezählten Stunden eine Oberservierung durch. Als er die Chance erkennt, stürmt er in die Wohnung des Verdächtigen. Und wird damit fast selbst zum Opfer...
Toni wollte sich nur amüsieren. Und wird von der Prostituierten Leyla mit unerwarteten Vaterfreuden überrumpelt. Verdammt, wie kommt er da nur wieder raus?

"Drecksspiel" war mein erster Thriller von Martin Krist und er hat mir super gefallen. Obwohl sich das Buch eigentlich um David Gross dreht, gibt es so viele Handlungsstränge, dass man als Leser nicht nur aufmerksam, sondern auch konzentriert bei der Sache sein muss. Toll!

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei springt der Erzähler fast schon absatzweise zwischen den verschiedenen Figuren und ihren Schicksalen hin und her. Zu Beginn hatte ich Bedenken, dass ich dem gesamten Geschehen überhaupt folgen kann. Aber Martin Krist überfordert seine Leser nicht. Denn die einzelnen Stränge kommen erst nach und nach zum Tragen, so dass sich quasi wie von selbst jede neue Handlung in die anderen einwebt. Und trotz der Masse an Figuren, immerhin greift der Autor auf ein Personenregister als Hilfestellung zurück, hatte ich keinerlei Probleme, jede Person zuzuordnen. Das gelingt nur wenigen Autoren.

Besonders gefallen hat mir die Figur des David Gross. Der Privatermittler ist wortkarg, gibt wenig von sich preis und handelt nach einem eigenen Codex. Und obwohl ich sehr wenig von diesem Mann im Laufe des Thrillers erfahren habe, wuchs er mir ans Herz. Das Tolle ist, dass der Autor hier nicht mit den bekannten Klischees wie zerbrochene Ehe, Alkoholsucht oder ähnlichem aufwartet, sondern genau zeigt, warum Gross so geworden ist, wie er ist. Naja, nicht genau, aber die Andeutungen genügen, damit man sich ein Bild machen kann.

Auch die anderen Figuren, die Martin Krist in seinen Thriller eingewoben hat, bekommen genug Raum, dass man sich ein Bild von ihnen machen kann. Das fand ich erstaunlich, denn viel Zeit haben sie pro Kapitel nicht. Dennoch habe ich bei keiner Figur Tiefe oder Charakter vermisst. Genial!

Die Story selbst ist rasant und spannend erzählt. Man sollte beim Lesen mental die Laufschuhe anhaben, denn gemütlich kennt der Autor nicht. Ich bin mit den Figuren gehetzt, gerast, gerannt und habe teilweise erst am Kapitelende wieder Luft geholt. Da ist es gut, dass die einzelnen Kapitel nicht epische Länge haben, sonst wäre ich beim Lesen erstickt.

Martin Krist hat keinerlei Mitleid mit seinen Figuren. Und leider auch nicht mit seinen Lesern. Denn der Schluß ist nicht nur sehr gut gewählt, sondern hinterlässt auch noch eine Tür, durch die der Autor aber nicht geht. Und so sitze ich hier, abgehetzt und will einfach nur wissen, wie es mit David Gross weitergeht.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, rasant und man sollte keinerlei Berührungsängste mit schmutzigen Wörtern haben. Aber er setzt diese Worte nur ein, wenn sie passen und lässt seine Figuren erfrischend offen fluchen.


Fazit: Drecksspiel ist eine Hetzjagd für Figuren und Leser. Genial!

5. August 2015

Du hast sie nicht verdient!

Heimweh
von Marc Raabe

Eine Leseprobe und die Möglichkeit zur Bestellung findet Ihr hier

Jesse Berg, Kindernotarzt in Berlin, lebt von seiner Frau Sandra getrennt. Sein ganzes Glück ist seine Tochter Isa, die er innig liebt und so oft es geht sieht. Daher passt es Jesse sehr gut, dass er Babysitter spielen darf. Jedoch verspätet er sich durch einen Notfall immens und kommt vollkommen abgehetzt bei Sandras Wohnung an. Hinter der Wohnungstür erwartet ihn jedoch keine wütende, sondern eine sehr tote Ex-Frau. Panisch sucht der Arzt die gesamte Wohnung nach seiner Isa ab. Doch Isa ist verschwunden. Geblieben ist nur ein Satz: "Du hast sie nicht verdient!"

"Heimweh" ist bereits der 3. Thriller von Marc Raabe, jedoch meine erste Leseerfahrung mit dem Autor. Nach der Lektüre kann ich sagen: Spannung kann er, der Herr Raabe. Dennoch hat mich das Werk nicht restlos überzeugt.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man zum Einen Jesse Berg, Kinderarzt und liebender Vater und zum Anderen erfährt man durch Flashbacks stückchenweise Details aus der Kindheit des Mannes. Denn Jesse und auch seine Ex-Frau Sandra sind im Heim "Adlershof" in Garmisch – Partenkirchen groß geworden. Und vor allem an dem Arzt nagt die Vergangenheit mehr, als sie sollte. Als dann auch noch Isa verschwindet, knallen bei Jesse sämtliche Sicherungen durch und er wird zu einem Raubtier, das nur ein Ziel kennt: seine Tochter zu retten und seine Vergangenheit ein für alle Mal klarzusehen. Genau diese Zielstrebigkeit und das fast schon fanatische Verfolgen dieses Ziels hat mich gefesselt.

Kapitelweise erfährt man auch, wie es Isa bei ihrem Entführer geht und wie inweit der Täter bereit ist, sein Opfer für seine Ziele zu missbrauchen.

Jesse Berg ist nicht durch und durch sympathisch. Der Arzt hat mit seiner Vergangenheit zu kämpfen, kennt keine Kompromisse, wenn es um seine Tochter geht und kann auch sonst ganz schön eklig werden. Dennoch merkt man ihm bei aller Kälte an, dass er im Inneren verzweifelt ist und einfach nur Angst um seine Tochter hat. Dabei ist ihm seine eigene Sicherheit fast egal. Entführung, Freiheitsberaubung und ähnliches nimmt er billigend in Kauf um an sein Ziel zu kommen. Macht ihn das zu einem guten Mann? Mit Sicherheit nicht. Handelt er dennoch irgendwie nachvollziehbar? Oh ja. Je mehr ich Jesses Geschichte während des Lesens kennenlernen konnte um so besser konnte ich den Arzt und sein Handeln verstehen.

Die Story selbst hat mich von Beginn an gepackt. Die Entführung und der Einblick in die Kindheit von Jesse geben eine spannende, fast explosive Mischung ab, die mich wie ein Sog angezogen hat. Lediglich ein Teil der Auflösung war für mich nicht passend. Das Finale war in sich stimmig und passte auch zum gesamten Thriller, jedoch gibt es ein entscheidendes Detail, bei dem ich "Och nee, echt jetzt?" dachte. Dennoch hatte ich sehr viel Spaß beim Lesen.

Der Stil von Marc Raabe ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Schreibweise ist direkt, schonungslos und passt hervorragend zu der beängstigenden Stimmung, die mich die gesamte Lesezeit begleitet hat.

Fazit: ein sehr guter Thriller, dem ich nur dieses eine Detail übel nehme. Dennoch kann ich das Buch empfehlen.


Ein großes Dankeschön an
und 
für das Buch!

4. August 2015

Berührend, dramatisch und ehrlich


Bis du wieder atmen kannst
(Julia und Jeremy Band 1)
von Jessica Winter

Jeremy und Julia besuchen die Highschool. Während Jeremy als Quarterback der Liebling der Schüler ist, hält sich Julia seit dem Tod ihres Bruder noch mehr im Hintergrund. Sie will auch nicht wirklich was mit den anderen zu tun haben, denn die ganzen kleinen Dramen sind ihr zu viel und zu sinnlos. Mit dem Quarterback liefert sie sich immer wieder Wortgefechte, denn Jeremy kann es nicht lassen, Julia aufgrund ihres eher burschenhaften Kleidungsstils aufzuziehen. Bis er eines Tages durch Zufall erfährt, was dahinter steckt...

"Bis du wieder atmen kannst" ist das Debüt von Jessica Winter und hat mich begeistert. Die österreichisch – amerikanische Autorin erschafft mit ihrem Roman eine Geschichte, die zwar zu Beginn irgendwie bekannt wirkt, dann aber eine Entwicklung nimmt, die ich sehr berührend und erschütternd fand.

Die Geschichte wird abwechselnd von Julia und Jeremy erzählt. Während der Sportler nur oberflächlich sein gutes Leben genießt und dennoch von den normalen Problemen aller Jugendlichen geplagt wird, zeigt sich Julia sarkastisch, schlagfertig und äußerlich kaum verletzbar. Und obwohl gerade Jeremy auf den ersten Blick wie ein typischer Klischee-Boy wirkte, habe ich beide Figuren schnell ins Herz geschlossen. Gerade Julias Art hat mich begeistert, während sich Jer aufgrund seiner Gedankenwelt in mein Herz geschlichen hat. Denn er ist ganz und gar nicht so, wie er auf den ersten Blick wirkt. Und das hat mir sehr gut gefallen.

Jessica Winter gibt ihren beiden Figuren genügend Zeit sich zu entfalten. Wer eine 08/15 – Love- Teenager – Story erwartet, wird definitiv überrascht werden. Die Autorin lässt den beiden Protagonisten viel Raum, um sich zu präsentieren und sich zu zeigen. Zudem hetzt sie die beiden nicht wie ausgehungerte Tiere aufeinander, sondern zeigt Schritt für Schritt wie sich Kontaktaufnahme, Gespräche und mehr entwickeln. Und zwar normal entwickeln und nicht übertrieben rosarot und lebensfern. Das hat mir sehr gut gefallen und mich gefangen genommen.

Auch die Story an sich hat mich überzeugt, berührt und erschüttert. Was genau passiert, möchte ich nicht verraten, denn der Roman lebt auch durch das Entdecken. Jessica Winter zeigt jedoch wunderbar gefühlvoll und mit Fingerspitzengefühl, dass kleine Dramen wie Eifersucht, wer geht mit wem und ähnlichem wirklich klein sind, wenn man sich das Leben ihrer Figuren anschaut. Dabei übertreibt sie aber nicht oder drückt auf die Tränendrüse. Die Autorin lässt Julia und Jeremy ihre Geschichten erzählen, ohne irgendwie einzugreifen. Das war wunderbar!

Das Ende ist offen und lässt mich ungeduldig auf Band 2 warten. Denn es gibt keinen Abschluss in dem Sinne, vieles bleibt offen und selbst Jer und Jules wissen am Ende von Band 1 nicht, wie es für sie weitergeht. Und obwohl es kein Ende in dem Sinne gibt, bin ich sehr zufrieden mit dem Finale. Denn es ist genügend passiert, so dass nicht nur ich, sondern auch die Figuren eine Atempause verdient haben!

Der Stil von Jessica Winter ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise passt sehr gut zu den 17-jährigen Figuren. Allerdings sollte man ein wenig mit dem Sprachgebrauch der Österreicher vertraut sein, denn so mancher Begriff verrät zu gut, dass die Autorin im Bergland zu Hause ist.


Fazit: ein Jugendroman, der so viel mehr ist als Drama und Highschool. Zugreifen!

3. August 2015

Der Angel of Death ist zurück!

Der Totenzeichner
(Clara - Vidalis - Reihe Band 4)
von Veit Etzold

Eine Leseprobe findet Ihr hier

Clara Vidalis kehrt erholt aus ihrem Urlaub zurück und sieht sich direkt mit einem grausigen Mordfall konfrontiert: jemand hat Schiller, den Boss der Deathguards, bestialisch ermordet und ihm das Herz herausgerissen. An sich kein großer Verlust, doch der Tod gibt den Ermittlern Rätsel auf. Wer legt sich mit solch einem Hünen an? Und scheint auch noch unbeschadet davonzukommen? Noch während Clara und ihr Team Rätseln, taucht die nächste Leiche auf. Oder besser gesagt, nur ein Teil....

"Der Totenzeichner" ist der 4. Fall für Clara Vidalis und ihr Team vom LKA Berlin und auch der grausamste. Veit Etzold liefert mit seinem neusten Thriller ein Prachtexemplar an Spannung, Blut, Gewalt und Nervenkitzel ab. Selbst ich als hartgesottene Thriller-Leserin habe so manches Mal geschluckt. Deshalb eines direkt vorweg: dieses Buch ist nichts für schwache Nerven und Mägen!

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Neben Clara und ihrem Team folgt man zum ersten Mal auch 2 Kollegen aus den USA, denn der Fall des Totenzeichners ist international. Zudem bekommt der Täter selbst auch kapitelweise Aufmerksamkeit. Diese Mischung hat mich sofort wieder in den Bann gezogen und nicht losgelassen.

Hinzu kommt, dass der Autor mit Clara Vidalis, Martin Friedrich alias MacDeath und auch Rechtsmediziner von Weinstein sehr schillernde und sympathische Figuren erschaffen hat. Während Clara eher zurückhaltend und analytisch ist, beeindruckt MacDeath mich durch seinen Witz und sein schier unerschöpfliches Wissen um die dunkelsten Teile der Menschheit. Von Weinstein habe ich in diesem Fall aufgrund seines schrägen und sehr schwarzen Humors ins Herz geschlossen. Und die Darstellung ist in meinen Augen nicht übertrieben, denn viele Menschen, die tagtäglich mit dem Abschaum der Menschheit konfrontiert werden, suchen sich den Humor als Ventil. So kam es, dass ich trotz der Brutalität des Täters so manches Mal über die Aussagen des Rechtsmediziners oder MacDeaths lachen musste. Eine tolle Mischung.

Die Story an sich ist spannend und straff gehalten. Bei Veit Etzold merkt man die Liebe zur Autopsie und zur detaillierten Beschreibung der Zustände der Leichen. Er erschafft Bilder in meinem Kopf, die kein Horror-Splatter-Regisseur auf Celluloid bannen könnte. Und das ist große Klasse, denn trotz allen Blutes und aller Gewalt fand ich die Darstellungen nicht übertrieben oder ekelerregend. Sie passten einfach zum Täter und zum Geschehen.

Das Ende hat mir einen Nackenschlag versetzt. Und das meine ich durchaus positiv. Denn der Autor hat mich mit den Ermittlern mitfiebern, mitleiden, mitrecherchieren lassen, nur um dann zu so einem Finale zu kommen. Grandios!

Der Stil von Veit Etzold ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, ohne Schnörkel, detailreich und an den für mich passenden Stellen blutig. Und obwohl es zu massiver Gewalt kommt, konnte ich das Buch nicht weglegen.

Fazit: auch der 4. Fall konnte mich überzeugen. Eine klare Leseempfehlung!

2. August 2015

Puppen, die Licht ins Dunkel bringen


Jakobs Mantel
von Eva Weaver

Eine Leseprobe findet Ihr hier

Mika liebt Algebra, Astronomie und seinen Großvater Jakob. In Warschau leben die beiden zusammen mit Mikas Mutter ein ruhiges Leben. Bis die Deutschen über Polen herfallen und die jüdischen Bewohner ins Ghetto getrieben werden. Dort müssen sie sich der Knute der deutschen Übermacht beugen. Als dann auch noch Jakob erschossen wird, ist der Mantel das Einzige, was Mika von seinem Großvater bleibt. Der Mantel und die Puppenwerkstatt. Schon bald schöpft Mika Hoffnung aus den kleinen Marionetten und trägt diese Hoffnung ins gesamte Ghetto.

"Jakobs Mantel" ist das Debüt von Eva Weaver und hat mich von Beginn an tief berührt. Mit Fingerspitzengefühl und ohne Moralkeule erzählt die Autorin die Geschichte eines Jungen, der versucht im Warschauer Ghetto zu überleben und dabei noch Gutes zu tun.

Dabei beginnt der Roman in New York 2009. Denn hier lebt der alt gewordene Mika und erzählt seinem Enkel Daniel seine Geschichte. Und dies tut er aus der Ich-Perspektive. Mikas jüngeres Ich wandelt wütend, traurig, ab und an aber auch hoffnungsvoll durch die vollen Straßen des Ghettos, täglich konfrontiert mit dem Leid seiner Mitmenschen und täglich mit der einen Frage auf den Lippen: "Warum?" Die Puppen seines Großvaters sind der einzige Trost für den Jungen. Wenn er mit ihnen Stücke aufführt, lässt er seine Zuschauer für einen Moment die Grausamkeit der Realität vergessen. Es war berührend zu lesen, wie ein solch kleine Geste in so einer Zeit so viel Herzensgüte hervorrufen kann.

Mikas Schicksal ist fiktiv, dennoch sehr nah an dem, was ich aus Dokumentationen und Berichten kenne. Sein Mantel, der ihm Schutz, Mut und auch Kraft verleiht, ist dabei wie ein Talisman. Die Beschreibungen des Alltages im Ghetto sind detailliert, ohne zu provozieren und zeigen so real wie möglich das Bild, was sich damals den Bewohnern bot. Dabei empfand ich beim Lesen aber keine abgrundtiefe Traurigkeit, sondern Mitgefühl für die Situation. Es ist sehr schwierig, hier den Grat zwischen sehr guter Erzählung und moralischem Zeigefinger zu finden. Eva Weaver hat ihn gefunden. Kein einziges Mal während der Lektüre fühlte ich mich belehrt oder gezwungen, mich schuldig zu fühlen. Ich litt mit Mika, mit seinen Puppen und spürte die Wut über die Drangsalierungen, die er über sich ergehen lassen musste. Und dennoch blieb der kleine Kerl lebensfroh, kämpferisch und gab nicht auf. Wow!

Und dann überraschte mich Eva Weaver mit der zweiten Hälfte der Geschichte. Denn dort ging es nicht mehr um Mika und den Mantel, sondern um den deutschen Soldaten Max, der Mika zur Zeit des Ghettos zum Puppenspielen vor Soldaten gezwungen hatte. Damit hatte ich nicht gerechnet und ich war schon fast schadenfroh, als ich las, was Max widerfuhr. Bis, ja bis Max im Gulag in Sibirien ankam. Denn dort entbrannte in ihm die Selbsterkenntnis und dadurch bei mir das Mitgefühl für einen, der das Viertel in Warschau mit geräumt hat. Eva Weaver hat somit etwas geschafft, was nur wenige können: ich hatte sowohl für den "Guten" als auch für den "Bösen" Mitgefühl und folgte beiden mit schwerem Herzen bei ihrem Schicksal.

Das Ende ist gelungen, rund, wenn auch für mich mit zu viel Pathos. Aber dennoch fand ich es berührend. Der Autorin ist hier ein Roman über die Zeit im Ghetto und danach gelungen, der mir nicht wegen seiner Grausamkeiten, sondern seiner Gefühlsstärke im Gedächtnis bleiben wird.

Der Stil von Eva Weaver ist sehr gut zu lesen. Ihre Erzählweise passt zu einem Jungen, der schnell erwachsen werden musste und es nicht wollte. Nachdenklich, ab und an poetisch, mal kämpferisch, doch nicht mitleidig erzählt sie die Geschichte. Toll!

Fazit: für mich eines der besten Bücher über die Zeit in Warschau. Ich kann es nur empfehlen.

1. August 2015

Wie 90210, bloß in langweilig

Monday Club - Das erste Opfer
(Monday-Club-Trilogie Band 1)
von Krystyna Kuhn


Eine Leseprobe findet ihr hier

Faye leidet unter einer Schlafstörung, die sie daran hindert ausreichend und erholsam zu schlafen. Dadurch kann es passieren, dass sie mehrere Tage hintereinander nicht zur Ruhe kommt, halluziniert und Dinge wahrnimmt, die nicht da sind. Nach den Sommerferien freut sich die 16-jährige auf das Wiedersehen mit ihrer besten Freundin Amy. Doch die hat sich verändert und wirkt verwirrt und zerstreut. Sie will Faye am Hafen treffen. Diese Chance wird den Mädchen jedoch genommen, denn Amy verunglückt tödlich. Faye will es nicht wahrhaben, wandelt apathisch durch den Alltag und glaubt, Amy lebendig gesehen zu haben. Wird sie verrückt?

"Monday Club – Das erste Opfer" ist der Auftakt zu einer neuen Trilogie von Krystyna Kuhn. Obwohl die Autorin schon mehrere Bücher veröffentlicht hat, ist dieser Jugendroman mein erstes Buch von ihr. Und auch mein letztes. Denn ich konnte der Geschichte und dem Stil kaum etwas abgewinnen.

Die Geschichte wird von der 16-jährigen Faye selbst erzählt. Die Jugendliche wirkt auf mich verträumt, naiv und ab und an nicht vollständig in der realen Welt verankert. Zudem gehört Faye zu einer der reichsten Familien in Bluehaven, was ihr ihre Mitgliedschaft im geheimnisvollen Monday Club sichert. Mit dem Tod ihrer besten Freundin und Schwester im Geiste Amy wird Fayes Welt gehörig durcheinander gewürfelt. Auf einmal hat sie das Gefühl, von vielem ausgeschlossen zu sein und nicht alles zu wissen, was sie wissen sollte. Dieses Gefühl hatte ich beim Lesen auch.

Faye, ihr Freund Josh, dessen Schwester Ginger und der gemeinsame Freund Caleb wirken auf mich wie Darsteller aus der Serie "Beverly Hills, 90210": reich, verwöhnt und mit baldigem unsagbar weitreichendem Einfluss ausgestattet. Ein Fuhrpark für Teenager? Kein Thema. Ein mysteriöser Club, der nach außen hin nur Gutes tut und von der Grandma des Freundes geleitet wird? Natürlich. Eine verrückte, einsame Lady, die keiner ernst nimmt? Warum denn auch nicht. Diese Mischung böte viel Potenzial für Spannung, wenn....ja wenn Faye selbst nicht so erzählen würde, als stände sie unter dem Dauereinfluss von Valium.

Ich konnte zu der Hauptfigur keinerlei Bindung aufbauen, da ich ihren Charakter, ihre Stimmung und ihr gesamtes Umfeld nicht fassen konnte. Die Jugendliche erzählt wie aus einem Tagtraum, der mich persönlich nicht gepackt, sondern angeödet hat. Auch als Faye die ersten Geheimnisse gemeinsam mit Luke, einem undurchschaubaren jungen Mann (oh oh, wittere ich da die berühmte Dreiecks-Love-ich-kann-mich-nicht-entscheiden-Story?), aufdeckt, fährt sie emotional kaum hoch. So bleibt sie für mich einfach nur blass.

Klar, dass da auch die Story nicht mehr viel reißen kann oder könnte, denn so wirklich spannend wurde der Roman bis weit über die Hälfte hinaus nicht. Der geheimnisumwitterte Monday Club bleibt genau das: umwittert. Man erfährt so wenig, dass es mich schon bald gar nicht mehr interessiert hat, was dieser Club überhaupt tut. Zudem wirkten die Einschübe des Alltages von Faye inklusive Streitereien in der Highschool so unpassend, dass ich nicht mehr wusste, ob es nun spannend oder komisch werden soll. Schade!

Der Stil von Krystyna Kuhn ist gut zu lesen. Ihre Erzählweise jedoch ist so verträumt, ausgeschmückt und seicht, dass ich keinen Zugang finden konnte. Schade!

Fazit: in mir hat der Monday Club sein erstes Opfer gefunden. Ich kann den Roman nicht empfehlen.