Sonntag, 2. August 2015

Puppen, die Licht ins Dunkel bringen


Jakobs Mantel
von Eva Weaver

Eine Leseprobe findet Ihr hier

Mika liebt Algebra, Astronomie und seinen Großvater Jakob. In Warschau leben die beiden zusammen mit Mikas Mutter ein ruhiges Leben. Bis die Deutschen über Polen herfallen und die jüdischen Bewohner ins Ghetto getrieben werden. Dort müssen sie sich der Knute der deutschen Übermacht beugen. Als dann auch noch Jakob erschossen wird, ist der Mantel das Einzige, was Mika von seinem Großvater bleibt. Der Mantel und die Puppenwerkstatt. Schon bald schöpft Mika Hoffnung aus den kleinen Marionetten und trägt diese Hoffnung ins gesamte Ghetto.

"Jakobs Mantel" ist das Debüt von Eva Weaver und hat mich von Beginn an tief berührt. Mit Fingerspitzengefühl und ohne Moralkeule erzählt die Autorin die Geschichte eines Jungen, der versucht im Warschauer Ghetto zu überleben und dabei noch Gutes zu tun.

Dabei beginnt der Roman in New York 2009. Denn hier lebt der alt gewordene Mika und erzählt seinem Enkel Daniel seine Geschichte. Und dies tut er aus der Ich-Perspektive. Mikas jüngeres Ich wandelt wütend, traurig, ab und an aber auch hoffnungsvoll durch die vollen Straßen des Ghettos, täglich konfrontiert mit dem Leid seiner Mitmenschen und täglich mit der einen Frage auf den Lippen: "Warum?" Die Puppen seines Großvaters sind der einzige Trost für den Jungen. Wenn er mit ihnen Stücke aufführt, lässt er seine Zuschauer für einen Moment die Grausamkeit der Realität vergessen. Es war berührend zu lesen, wie ein solch kleine Geste in so einer Zeit so viel Herzensgüte hervorrufen kann.

Mikas Schicksal ist fiktiv, dennoch sehr nah an dem, was ich aus Dokumentationen und Berichten kenne. Sein Mantel, der ihm Schutz, Mut und auch Kraft verleiht, ist dabei wie ein Talisman. Die Beschreibungen des Alltages im Ghetto sind detailliert, ohne zu provozieren und zeigen so real wie möglich das Bild, was sich damals den Bewohnern bot. Dabei empfand ich beim Lesen aber keine abgrundtiefe Traurigkeit, sondern Mitgefühl für die Situation. Es ist sehr schwierig, hier den Grat zwischen sehr guter Erzählung und moralischem Zeigefinger zu finden. Eva Weaver hat ihn gefunden. Kein einziges Mal während der Lektüre fühlte ich mich belehrt oder gezwungen, mich schuldig zu fühlen. Ich litt mit Mika, mit seinen Puppen und spürte die Wut über die Drangsalierungen, die er über sich ergehen lassen musste. Und dennoch blieb der kleine Kerl lebensfroh, kämpferisch und gab nicht auf. Wow!

Und dann überraschte mich Eva Weaver mit der zweiten Hälfte der Geschichte. Denn dort ging es nicht mehr um Mika und den Mantel, sondern um den deutschen Soldaten Max, der Mika zur Zeit des Ghettos zum Puppenspielen vor Soldaten gezwungen hatte. Damit hatte ich nicht gerechnet und ich war schon fast schadenfroh, als ich las, was Max widerfuhr. Bis, ja bis Max im Gulag in Sibirien ankam. Denn dort entbrannte in ihm die Selbsterkenntnis und dadurch bei mir das Mitgefühl für einen, der das Viertel in Warschau mit geräumt hat. Eva Weaver hat somit etwas geschafft, was nur wenige können: ich hatte sowohl für den "Guten" als auch für den "Bösen" Mitgefühl und folgte beiden mit schwerem Herzen bei ihrem Schicksal.

Das Ende ist gelungen, rund, wenn auch für mich mit zu viel Pathos. Aber dennoch fand ich es berührend. Der Autorin ist hier ein Roman über die Zeit im Ghetto und danach gelungen, der mir nicht wegen seiner Grausamkeiten, sondern seiner Gefühlsstärke im Gedächtnis bleiben wird.

Der Stil von Eva Weaver ist sehr gut zu lesen. Ihre Erzählweise passt zu einem Jungen, der schnell erwachsen werden musste und es nicht wollte. Nachdenklich, ab und an poetisch, mal kämpferisch, doch nicht mitleidig erzählt sie die Geschichte. Toll!

Fazit: für mich eines der besten Bücher über die Zeit in Warschau. Ich kann es nur empfehlen.

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