31. Oktober 2015

Wo war die spitze Zunge?

Scheiß auf die anderen
von Rebecca Niazi - Shahabi

Eine Leseprobe findet Ihr hier

"Verwirkliche dich selbst", "Folge deinem Herzen" oder "Tue, was dir gut tut". Überall sind diese Motivations- und Sinnsprüche zu lesen. Doch wie geht das, dieses Selbstverwirklichen? Und ist das überhaupt sinnvoll? Diesen und weiteren Fragen geht Rebecca Niazi-Shahabi auf den Grund.

In ihrem Buch "Scheiß auf die anderen" setzt sich die Autorin nämlich mit dem Drang nach Freiheit, der Überforderung durch zu viele Möglichkeiten und dem immerwährenden Drang sich zu vergleichen auseinander. Ich kenne von Rebecca Niazi-Shahabi bereits "Ich bleib so scheiße, wie ich bin" und habe mich bei der damaligen Lektüre köstlich amüsiert. Hier war das anders.

Das Buch oder besser Büchlein umfasst nicht ganz 200 Seiten. Das ist okay und auch in Ordnung. Nur leider lässt die Autorin ihre spitze Zunge erst auf den letzten knapp 50 Seiten von der Leine. Auf den anderen Seiten davor lamentiert sie über die Selbstfindung, zeigt Beispiele von Menschen, die es geschafft haben, ihren Traum zu verwirklichen und versinkt fast in Selbstmitleid, weil sie es bisher nicht gekonnt hat.

Hinzu kommt, dass sie für mich altbekannte Weisheiten wiederholt: nur Menschen mit einem guten Polster können auch mal scheitern, wir wissen vor lauter Freiheitsdruck nicht, was wir zuerst tun sollen und finden immer wieder Ausreden. Das ist neu und lässt sich nicht nur auf das Leben an sich anwenden. Denn das kennt man auch von Diäten, Sport, Partnersuche und ähnlichem.

Daher war für mich über die Hälfte des Buches nichtssagend, zu allgemein und mit zu vielen Wiederholungen gespickt. Ich war sogar kurz davor das Werk abzubrechen. Denn ich muss niemanden dabei zulesen, wie er sich selbst verflucht, weil er es nicht schafft, ausm Po zukommen.

Doch die letzten Seiten haben mich dann ein wenig mit Rebecca Niazi-Shahabi versöhnt. Denn sie zeigt mit Humor, Sarkasmus und einem sehr guten Blick fürs Detail, dass es gar nicht notwendig ist, sich auf Biegen und Brechen selbst zu verwirklichen. Denn das kann so nicht immer funktionieren und wer daran noch uneingeschränkt glaubt, muss sich auf eine große Enttäuschung einstellen. Warum nicht gleich so, liebe Autorin? Denn die letzten Seiten allein werden erst dem Titel des Buches gerecht.

Fazit: ja, kann man lesen. Muss man aber nicht. Nur die letzten 50 Seiten machen das Werk gut.

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