Sonntag, 15. November 2015

Zweifel sind für Menschen in Freiheit

Schlaf der Vernunft
von Tanja Kinkel

Eine Leseprobe findet Ihr hier

Angelika lebt mit ihrem Mann und ihren 2 Söhnen ein ruhiges, beschauliches Leben. Bis eines Tages ein Brief sie erreicht: ihre Mutter Martina, ein ehemaliges Mitglied der RAF, soll begnadigt werden. Angelika weiß nicht, was sie tun soll. Sie hatte jahrelang keinen Kontakt zu ihrer Mutter und will dies auch eigentlich nicht mehr. Und doch wünscht sich ihr inneres Kind die Versöhnung. Was soll sie tun?

"Schlaf der Vernunft" war mein erster Roman von Tanja Kinkel und er hat mich restlos überzeugt. Die Autorin arbeitet in ihrem neusten Werk die Geschichte der RAF auf, zeigt, wie aus einer jungen Frau eine Radikale werden kann und beleuchtet zudem auch die Opfer neben den großen Namen.

Die Geschichte wird in 2 Zeitsträngen erzählt. Zum Einen folgt man der jungen Martina in den 70er Jahren. Dabei erfährt man, wie sie als Schülerin zwischen die Fronten der Anti-Schah-Demo geriet, den Tod Benno Ohnesorgs erlebt hat und immer tiefer in die Überzeugungen der Linken eintaucht. Zum Anderen begleitet man Angelika im Jahr 1998, als ihre Mutter begnadigt wird. Doch nicht nur die Tochter der Täterin hat mit der Freilassung zu kämpfen, sondern auch der Sohn eines der Opfer der RAF und sogar ein ehemaliger Leibwächter eines Politikers gewähren Einblicke in ihre Lebensgeschichten und Gedankengänge. Diese Mischung hat mich von Beginn an gefesselt.

Tanja Kinkel hält sich nicht an den großen Namen der Organisation wie Ensslin, Baader oder Meinhof auf, sondern blickt tiefer in die Gruppe. Das hat mich positiv überrascht und gleichzeitig auch berührt. Denn durch ihre geradlinige und sehr nachvollziehbare Schilderung von Martinas Werdegang konnte ich die Entscheidungen der späteren Täterin sehr gut verstehen, nachvollziehen und habe mich öfter beim Lesen gefragt "Wie hättest du gehandelt?" Grandios!

Ich empfand öfter Sympathie für die Studentin Martina, was mich verwirrt hat. Sollte ich sie nicht unsympathisch finden, hassen, ihr mit Antipathie begegnen? Das konnte ich nicht. Die Autorin hat mir diese Frau so unbeschreiblich nahe gebracht, ohne ihre Taten und Gedanken zu beschönigen.

Auch die Opfer der RAF kommen nicht zu kurz. Und wie bei den Tätern, so blickt Tanja Kinkel auch bei den Opfern nicht auf große Namen wie Ponto oder Buback, sondern widmet sich denjenigen, die die Terroristen gern als Kollateralschäden bzeichnet haben: Leibwächter, Fahrer, Staatssekretäre. Die Autorin verleiht den Hinterbliebenen und sogar einem Überlebenden eine Stimme, ein Gesicht und machte sie dadurch für mich greifbar. Toll!

Die Story selbst wirkt zu Beginn ruhig, hat aber einen spannenden Unterton. Seite für Seite wurde ich in den Bann der RAF gezogen, sympathisierte mit Ideen, verstand ihre Beweggründe und war dennoch über ihr Vorgehen geschockt. Tanja Kinkel hat die Emotionen, Gedankengänge und auch Überzeugungen so gut eingefangen, dass ich bis zum Schluss gebannt über dem Buch hockte und mich nicht losreißen konnte. Zum Ende bleibt mir zu sagen: der Roman hält länger als die letzte Seite. Die Thematik der Radikalisierung ist aktueller denn je und dieses Werk hat sich tief bei mir eingebrannt.

Der Stil der Autorin ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist geradeaus, detailreich, wo sie es sein muss und historisch korrekt.

Fazit: wer sich für jüngere deutsche Geschichte interessiert, MUSS das Buch lesen!

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