3. April 2016

Mehr Familientragödie als Krimi

Totengebet
(Joachim-Vernau-Reihe Band 5)
von Elisabeth Herrmann
(448 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Joachim Vernau, Anwalt in Berlin, erwacht im Krankenhaus. Wie kommt er dorthin? Woher kommen seine Verletzungen? Vernau hat nur einen Gedanken im Kopf: Rachel. Diese Frau scheint mit dem Überfall auf ihn zu tun zu haben. Jedoch findet sich weder in Vernaus Unterlagen noch sonst irgendwo ein Hinweis auf die geheimnisvolle Frau. Der Anwalt macht sich auf die Suche und gerät dabei in Verstrickungen, die vor langer Zeit in einem Kibbuz in Israel begannen.

„Totengebet“ ist der mittlerweile 5. Fall von Joachim Vernau aus der Feder von Elisabeth Herrmann und hat mich nicht wirklich fesseln können.. Ich habe die vorangegangenen Fälle verschlungen, doch hier hat sich die Autorin in meinen Augen zu sehr in den Familientragödien verloren.

Die Geschichte wird von Joachim Vernau höchstselbst erzählt. Der Anwalt erzählt dabei sowohl ehrlich als auch direkt von seinen Erlebnissen und Gedanken. Zu Beginn war ich genau so ratlos wie er, im Laufe des Romans kam ich aber immer mehr dahinter, was Joachim zu seinen Nachforschungen trieb. Neben Vernaus Berichten gibt es auch Kapitel, in denen ein auktorialer Erzähler Einblicke in die Leben der geheimnisvollen Rachel und des Politikers Mike Plog gewährt. Diese Mischung fand ich anziehend und so habe ich den ersten Teil des Krimis geradezu verschlungen.

Die Figuren sind so, wie ich es von der Autorin gewohnt bin: tiefgründig, realitätsnah und sowohl mit hellen als auch dunklen Seiten gesegnet. Selbst Charaktere, die neu in diesem Teil auftreten, konnte ich schnell einordnen und empfand Sympathie bzw Antipathie für sie. Hier hat Elisabeth Herrmann alles richtig gemacht. Auch die Gedankengänge von Vernau, der sich seiner Vergangenheit stellen muss, hat sie super getroffen und ich konnte so mit dem Anwalt mitfühlen und -denken.

Die Story an sich hat mir das meiste Kopfzerbrechen beschert. Während ich zu Beginn noch Feuer und Flamme war und auch die Reise nach Israel noch voller Tatendrang angetreten bin, folgte bald Ernüchterung. Die Autorin hat mit dem 5. Fall mehr eine Familientragödie denn einen Krimi erschaffen. Gerade in der Mitte spielte ich oft mit dem Gedanken, das Buch einfach beiseitezulegen. Wenn ich ein Drama hätte lesen wollen, hätte ich zu einem gegriffen. Auf den letzten 100 Seiten wuchs meine Hoffnung wieder, denn hier kam der Spürsinn Vernaus wieder voll zum Vorschein und es spitzte sich zu.

Das Finale an sich war großartig und toll zugespitzt. Jedoch lässt Elisabeth Herrmann ihre Leser nach dem Paukenschlag allein mit vielen Fragen. Warum so gehandelt wurde, wird nur angerissen. Wie es für die Beteiligten weitergeht, wird kaum erwähnt. Das ist mir zu wenig und ich war ehrlicherweise enttäuscht.

Der Stil der Autorin ist gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist direkt, detailreich und man merkt ihr deutlich an, dass gerade die Begebenheiten in Israel von ihr so realitätsnah wie möglich wiedergegeben werden sollten. Ich konnte mich in den Darstellungen verlieren. Toll!

Fazit: Ich hoffe, dass Vernau bei seinem nächsten Fall einfach wieder Anwalt sein darf. Denn dieser Fall war mir zu viel Drama!


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