2. Mai 2016

Wenn die Medizin die Spannung killt

Zerschunden
(Fred-Abel-Reihe Band 1)
von Michael Tsokos
(432 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Fred Abel, angesehener Rechtsmediziner des BKA, wird zu einem eher unspektakulären Mordfall gerufen. Eine Seniorin ist in ihrer Wohnung überfallen und getötet worden. Alles sieht nach einem Nachläufer aus. Diese Art von Täter folgt seinen Opfern bis in die Wohnung um sie dann auszurauben. Als Abel aber die Leiche genauer in Augenschein nimmt, zeigt sich schnell: der Fall hier ist anders. Und zieht bald Kreise, die auch vor den Grenzen innerhalb Europas nicht Halt machen.

„Zerschunden“ war mein erster Thriller von Michael Tsokos, an dem er allein gearbeitet hat. Ich kenne den Rechtsmediziner bereits durch seine Zusammenarbeit mit Sebastian Fitzek und dessen gemeinsames Werk „Abgeschnitten“ und war dementsprechend neugierig, wie gut der Mediziner so einen Thriller alleine gewuppt bekommt. Am Ende muss ich sagen: naja....

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man zum Einen Fred Abel und darf ihm bei seiner Arbeit über die Schulter schauen. Zum Anderen verbringt man auch mit dem Täter Zeit und lernt sein Denken und Vorgehen kennen. Hinzu kommen einige Kapitel, die einem das soziale Leben Fred Abels und seines guten Freundes Moewig näher bringen. Diese echt gute Mischung hat mir super gefallen. Michael Tsokos hat hier ein tolles Gleichgewicht zwischen Ermittler und Täter gefunden.

Doch die Mischung macht es leider nicht. Die Figuren, die Michael Tsokos teilweise real existierenden Personen angelehnt hat, blieben für mich blass und oberflächlich. Gerade Fred Abel, der als Hauptfigur und auch als die treibende Kraft fungiert, blieb für mich schwer greifbar. Ja, alle wichtigen Rahmendaten zählt der Autor auf. Aber diesen Rahmen dann mit Leben, Wirklichkeit und Sympathie zu füllen, das blieb er schuldig. Auch der Täter, den man in vielen Kapiteln begleiten durfte, blieb eher ein Schatten denn ein wirklicher Schrecken. Michael Tsokos bleibt hier kühl-distanziert. Und so kam es, dass ich zu keiner Figur eine Bindung aufbauen konnte, was echt schade war.

Das wäre auch noch nicht so dramatisch, wenn mich die Story durchgängig begeistert hätte. Der Beginn war auch vielversprechend und Tsokos hat gerade den ersten Fall des Nachläufers klasse und detailreich dargestellt. Doch schon ab der Hälfte des Buches plätschert der Thriller nur noch vor sich hin. Abel reist durch Europa, guckt sich Tatorte an (und das nicht immer ganz vorschriftskonform), kommt mit seinen Erkenntnissen nur schleppend voran. Die Identität des Täters wird in meinen Augen zu früh enthüllt, denn dadurch verpuffte auch das letzte Quäntchen Spannung. Somit bleibt mir nur zu sagen: Stark angefangen, stark nachgelassen.

Wobei ich nicht unerwähnt lassen möchte, dass kaum jemand Tsokos bei den medizinischen Details das Wasser reichen kann. Hier hatte ich das Gefühl, wirklich mit am Seziertisch zu stehen.

Der Stil des Autors ist gut zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, emotionslos und mit medizinischen Details gespickt. Ab und an wären mehr Emotionen toll gewesen, aber insgesamt passt der Stil Tsokos zum gesamten Buch.

Fazit: Zerschunden hat mich der Verlauf. Ich hatte mehr erwartet. So bleibt ein Naja....

Kommentare:

  1. Hallo,

    Mir geht es mit dem Buch leider wie Dir, ich habe es sogar irgendwann abgebrochen, weil ich nicht mehr mochte.
    Wobei, als ich einige Zeit später eine Lesung von Herrn Tsokos besuchte, passte es wieder. Stücke der Geschichte, seine Erläuterungen und Erklärungen- so fand ich es hochinteressant! Doof, das er nicht das ganze Buch vorliest...

    Liebe Grüße,

    Anja

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    1. Hi Anja,

      puh, da bin ich froh, dass es nicht nur mir so geht. Ich glaube, er kann Geschichten erzählen, nur eben keine Thriller ;)
      LG
      Denise

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