Sonntag, 10. Juli 2016

Die Aufstellung des Todes

Warschauer Verstrickungen
(Teodor - Szacki - Reihe Band 1)
von Zygmunt Miloszewski
(448 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Teodor Szacki ist Staatsanwalt in Warschau und seine Motivation ist so hoch wie sein Gehalt, also eher mäßig. Und so kommt ihm die männliche Leiche, die nach einer Gruppentherapie im Kirchenzentrum gefunden wird, eher ungelegen. Aber was solls, die Arbeit muss getan werden. Schnell stellt Szacki fest, dass der Tote keineswegs nur in Therapie war, sondern noch viel dunklere Geheimnisse mit sich trug. Kann er den Mörder finden?

„Warschauer Verstrickungen“ ist der Auftakt zur Teodor-Szacki-Reihe von Zygmunt Miloszewski und hat mir ausnehmend gut gefallen. Der Autor entführt seine Leser in die graue und zumeist wenig sexy Stadt Warschau und führt mit dem Staatsanwalt eine eher ruhige und nicht durchweg sympathische Hauptfigur ein. Dennoch haben mich der Plot und auch Szacki gefesselt.

Die Geschichte wird aus der Sicht eines auktorialen Erzählers berichtet. Dabei folgt man zum Großteil dem Staatsanwalt und seinen Ermittlungen, nur in wenigen Kapiteln kommen auch die Hintermänner zu Wort. Wer bei Zygmunt Miloszewski rasantes Tempo und viele Tote erwartet, ist falsch gewickelt. Der Autor lässt Szacki ruhig und besonnen, teilweise auch ruppig Nachforschungen anstellen. Das hat mir sehr gut gefallen, denn so konnte ich mit ihm viele Details ermitteln.

Besonders gut fand ich die Darstellung der Familienaufstellung. Dieser Therapieansatz ist zentraler Bestandteil des Tathergangs gewesen und auch das Opfer musste durch diese harte Therapie gehen. Miloszewski lässt den Leser hier tief in die Welt der Therapeuten und der Auswirkungen einer solchen Aufstellung eintauchen. Dennoch kam für mich dabei keine Langeweile auf, denn je weiter die Ermittlungen fortschritten, desto mehr erfährt man auch über die Geschichte Polens und die Verstrickungen der alten Garde mit der Gegenwart. Toll!

Die Figuren, die der Autor einführt, haben alle Ecken und Kanten. Gerade Teodor Szacki, der als Staatsanwalt nicht durchweg glücklich ist, löste bei mir von Sympathie bis hin zu „ehrlich jetzt?“ alles aus. Dennoch oder gerade deswegen konnte ich das Buch kaum aus der Hand legen. Denn neben den Mordermittlungen erfährt man auch sehr viele Details aus dem Privatleben des Warschauers. Und da herrscht nicht gerade eitel Sonnenschein. Entgegen der typischen Klischees von Bier oder Tabletten hadert Szacki mit seiner Ehefrau und dem Familienleben. Und dies ist sehr glaubwürdig und realitätsnah dargestellt, ohne dass das Privatleben zu sehr in den Vordergrund rückt. Klasse!

Die Story an sich ist fesselnd und steigert sich im Verlauf. Dabei hetzt man aber nicht durch die Stadt, jagt mit Waffengewalt die Bösen und muss jeden Abend Wunden versorgen, sondern leistet solide Polizeiarbeit, wälzt Akten und befragt Zeugen. Diese ruhige, dennoch nie langweilige Art hat mir sehr gut gefallen. Je tiefer die Ermittlungen gingen, desto stärker sollte man sich allerdings konzentrieren, denn Szacki wagt sich in Kreise vor, die allein durch Andeutungen Angst verbreiten.

Das Finale ist gelungen, rund und in meinen Augen sehr passend für den gesamten Verlauf. Die Art der Überführung erinnerte mich an Columbo, machte den Staatsanwalt aber nur noch sympathischer.

Der Stil von Zygmunt Miloszewski ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist ruhig, gelassen und detailreich. Für mich war es absolut passend.

Fazit: diese Therapie hilft dir aus dem Leben. Lesen!

Kommentare:

  1. Hallo,
    klingt auf jeden Fall spannend und wandert mal auf meine Wunschliste :-) Warschau ist übrigens eine echt schöne Stadt - wenn auch vielleicht nicht unbedingt sexy :-)

    LG
    Tina

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    1. Hi Tina, danke schön für dein Kommentar. Selbst Teodor findet Warschau nicht sexy ;) LG Denise

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