Montag, 22. August 2016

Von Rock'n'Roll und zerbrochenen Kinderträumen

Scherbenkind
(Verena-Sander-Reihe Band 2)
von Britt Reißmann
(448 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Ein kleines Mädchen kontaktiert die Stuttgarter Polizei und gibt an zu wissen, wer der Mörder einer unbekannten Leiche ist. Verena Sander und ihr Kollege Katz setzen alles daran, die kleine Zeugin zu finden. Das Mädchen scheint verschwunden. Die einzige Spur führt zu einer wohlhabenden Familie. Deren Tochter ist aber fast 18. Dennoch gibt es dort den entscheidenden Hinweis zum Mord. Doch Verena Sander merkt, dass es um viel mehr geht und enthüllt Schicht um Schicht einen Fall, der größer und bizarrer wird, als sie es je zu träumen wagte...

„Scherbenkind“ ist der zweite Fall von Verena Sander und konnte mich, wie bereits Band 1, komplett begeistern. Britt Reißmann nimmt sich in diesem Krimi einem mehr als schweren, aber totgeschwiegenen Thema an und zeigt auf, wohin Ignoranz und Unverständnis führen können.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man sowohl Verena und ihren Ermittlungen, als auch der Tochter Sina aus gutem Hause. Denn dieses Mädchen birgt ein Geheimnis, dass die Polizei schon bald an der Realität und den eigenen Überzeugungen zweifeln lässt. Sinas Besonderheit möchte ich an dieser Stelle nicht enthüllen, denn es ist für den Leser in meinen Augen zwingend erforderlich, selbst dahinter zu kommen, womit Verena und das Morddezernat zu kämpfen haben.

Die Ermittlungen durch die Stuttgarter Polizei ist in meinen Augen realitätsnah, nicht überzogen und toll verfolgbar. Verena Sander war mir schon im ersten Teil „Blutopfer“ sehr sympathisch und das setzt sich hier fort. Das Tolle: jede Figur hat sowohl Stärken als auch Schwächen. Und gerade das lässt den Krimi so lebensnah erscheinen. Ich hätte Verena zwischendurch gern mal geschüttelt, genau so oft wollte ich ihr aber auf die Schulter klopfen oder ihr sagen, wie gut sie ihre Arbeit macht.

Neben dem Job bekommt man auch wieder einige Einblicke in die Privatleben der Ermittler. Während Verena mit ihren Emotionen und Hormonen zu kämpfen hat, muss ihr Ex-Kollege Micha langsam erkennen, dass er mit seiner Machotour nicht so weit kommt,wie gedacht. Für mich trifft Britt Reißmann genau die richtige Mischung aus privaten Hintergründen und knallharten polizeilichen Ermittlungen. Zudem kommt der Humor nicht zu kurz, denn auch der Staatsanwalt Triberg ist wieder mit an Bord. Und wer ihn kennt, weiß, dass er nicht immer die Katze im Dorf lassen kann.

Die Story selbst verlangte mir als hart gesottene Thrillerleserin dennoch einiges ab. Die Autorin setzt dabei mitnichten auf blutige Details, sondern greift ihre Leser dort an, wo es weh tut: im Herzen und in der Psyche. Auch wenn ich mich mit dem zentralen Thema des Krimis schon mal beschäftigt habe, musste ich so manches Mal tief durchatmen, denn Britt Reißmann hat mit ihren Beschreibungen die Realität knallhart getroffen und nimmt dabei weder ihre Ermittler noch ihre Leser in Schutz. Grandios und wichtig in meinen Augen.

Der Schluss hat mich überzeugen können, auch wenn ich gern bei einem Vorgang mehr Details gehabt hätte. Dennoch ist das Finale logisch hergeleitet, passend und rund. Und das Schöne: endlich mal keine dussligen Einzelaktionen von selbsternannten Helden. So lobe ich mir das!

Der Stil von Britt Reißmann ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist ruhig, detailgetreu und fesselnd, so dass ich mich kaum entziehen konnte, auch wenn mir die Augen abends zufielen.

Fazit: keine leichte, aber umso wichtigere Kost. Klare Empfehlung.

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