Dienstag, 8. November 2016

Bitterböse und auf den Punkt gebracht

Er ist wieder da
von Timur Vermes
(396 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Verwirrt wacht Hitler im Berlin des Jahres 2011 auf. So richtig weiß er nicht, wie er da hingekommen ist und das interessiert ihn auch nicht mehr, als er merkt, was auch seinem Deutschland geworden ist. Von der Jugend nicht wiedererkannt und von den Erwachsenen als Witzfigur gesehen, hat er schon wieder Pläne zur Machtübernahme im Kopf. Und diese Pläne will er verwirklichen. Und wo sollte das besser gehen, als in Berlin, seiner Stadt?

Ich bin aufgrund der Empfehlungen auf das Buch aufmerksam geworden und habe mich durch das Hören einer Probe des Hörbuches zum Kauf hinreißen lassen. Und ich habe es nicht bereut.

Timur Vermes lässt einen der grausamsten Menschen des 20. Jahrhunderts wieder auferstehen und setzt ihn in unsere Welt. Daraus macht er eine bitterböse und punktgenaue Analyse der aktuellen Gesellschaft. Ich habe oft gelacht und so manches Mal blieb mir das Lachen im Halse stecken, als mir gewahr wurde mit wem (!) ich hier lache. Dennoch empfand ich dies nicht als pietätlos, denn Timur Vermes selbst zeigt in seinem gesamten Werk, dass er hier keineswegs ein politisches Statment anstrebt, sondern der Gesellschaft einfach nur den Spiegel vorhält. Und wenn das nicht mehr über die "normale" Satire klappt, muss eben so eine historische Figur ausgebuddelt werden.

Erschreckt hat mich die Schonungslosigkeit und Geldgeilheit des Fernsehens. Oft angeprangert, doch nie so genau und präzise beschrieben wie in diesem Buch. Der Autor zeigt, dass nur wenige überhaupt noch in der Lage sind, die wahren Motive der Hauptfigur zu identifizieren. Der Rest sieht nur den Erfolg, egal um welchen Preis. Und das stimmt mich nachdenklich, traurig und auch wütend.

Der Stil von Timur Vermes ist gut zu lesen. Er bedient sich gern einiger Schachtelsätze, die aber in meinen Augen auch typisch für die Titelfigur sind. So beschreibt Hitler aus der Ich-Perspektive seinen neuen Alltag. Und so einige Kleinigkeiten haben mich dann doch erschreckt, z.B. wie schnell die Menschen in seiner Umgebung wieder zum deutschen Gruß gewechselt sind. Dies jedoch nicht aus politischer Motivation, sondern weil es einfach in Gegenwart des Führers dazu gehört.

Auch wenn das Buch zum Glück Fiktion ist, habe ich kaum Zweifel, dass es ich wirklich so zutragen könnte, wenn ER wieder auf der Bildfläche erscheinen würde.

Nach der Lektüre des Buches musste auch das Hörbuch her. Gelesen wird dieses von Christoph Maria Herbst, der die gesamte Lesung über in der Rolle des Führers bleibt. Was anstrengend wirkt, ist in meinen Augen die perfekte Umsetzung des Romans. Ich kann es nur empfehlen.

Fazit: eine tiefschwarze und bitterböse Satire, in der ein Höhepunkt den nächsten jagt. Und dabei wird dem Leser schmerzlich vor Augen geführt, in welcher Welt er eigentlich lebt. Eine klare Leseempfehlung.

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