15. April 2017

Das Grauen hört nicht auf

Heldenflucht
von Jan Kilman
(512 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Deutschland, 1918: der Krieg ist gerade zu Ende und in dem kleinen Dorf Kirchbach wartet man ungeduldig auf die Heimkehrer. Die Kriegsreporterin Agnes Papen kümmert sich um ihren kranken Onkel, der Arzt des Dorfes versucht die Erinnerungen in Alkohol zu ertränken. Während die Frauen in der nah gelegenen Fabrik schuften, versucht der junge Franz sein Glück im Wald. Und stolpert dabei über eine Leiche...

"Heldenflucht" ist der erste Roman von Jan Kilman und hat mich von Beginn an begeistert. Der Autor schreibt hier unter einem Pseudonym, doch man merkt dem gesamten Buch an, dass er sich normalerweise im Krimisegment herumtreibt. Wer sich aber hinter Jan Kilman verbirgt, bleibt geheim. Doch eines ist klar: Geschichten erzählen kann er. 

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Kapitelweise folgt man Franz, der als Dummkopf gilt, jedoch mehr Intelligenz beweist als viele, Agnes, die ihren kranken Onkel pflegt, Ruben Lieberstock, dem Inhaber des Krämerladens und Wiebke, die als Magd auf dem Hof des Dorfvorstehers arbeitet. Dieser bunte Figurenreigen macht den Roman hochinteressant und spannend. Und obwohl das Ensemble auf den ersten Blick wuselig wirkt, hatte ich zu keinem Zeitpunkt Probleme dem Geschehen und den Zusammenhängen zu folgen. Jan Kilman versteht es sehr gut, jeder Figur Eigenarten zu geben, so dass schon ein winziger Hinweis genügt um zu wissen, wo man mit wem unterwegs ist. Toll!

Die Story spielt zum ersten Weihnachtsfest in Friedenszeiten nach dem 1. Weltkrieg. Die Dorfbewohner kämpfen mehr schlecht als recht ums Überleben, es herrscht Ungewissheit und Furcht. Als in Kirchbach dann auch noch ein stummer Soldat auftaucht, droht die Gemeinschaft zu zerbrechen. Der Autor zeigt eindrucksvoll, dass es auch zu damaliger Zeit nicht nur Ablehnung, sondern auch Herzlichkeit und Menschlichkeit gab. Mit Ruben und Agnes hat er zwei große Sympathieträger eingeführt. Ich konnte mich mit beiden identifizieren und habe mit ihnen getüfelt, Kranke gepflegt und nach Ideen gesucht, wie man das Leben besser machen könnte. 

Und obwohl der Roman viel Hoffnung enthält, macht Jan Kilman keinen Hehl daraus, wie krank die Männer aus den Schützengräben zurückkamen. In seinem Buch finden sowohl Kriegszitterer, als auch Alkoholiker und Realitätsverweigerer Einzug. Dabei nutzt er aber nicht den Zaunpfahl, sondern deutet vieles an. Doch genau das  macht den Schrecken so greifbar und ich musste beim Lesen manches Mal schlucken. 

Das Ende ist rund, wenn auch etwas zu dick aufgetragen. Hier hätte ich die Devise "Weniger ist mehr" toll gefunden. Jedoch ist das Werk von vorn bis hinten durchdacht und ich hatte sehr viel Spaß beim Lesen.

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist bildhaft, direkt und entwickelt einen Sog, dem ich mich schwer entziehen konnte.

Fazit: Nach dem Krieg bedeutet nicht automatisch Frieden. Klare Leseempfehlung.

Kommentare:

  1. Sehr schöne Rezi! Ich habe bis vor kurzem Bücher welche in der Kriegs- oder Nachkriegszeit spielen nie lesen wollen. Habe dann einfach so, weil es mir empfohlen wurde "Trümmerkind" und noch ein, zwei andere solche Bücher gelesen und war mehr als begeistert. Dieses Buch hier kannte es noch nicht aber der Inhalt klingt wirklich toll, ich werde es auf jeden Fall gleich bestellen. Ganz liebe Grüße

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    1. Hi Anja,

      ich kann gut nachvollziehen, warum du das Thema gemieden hast. Hast du schon "Der Angstmann" von Frank Goldmann gelesen? Das spielt in den letzten Kriegstagen und ist ebenso großartig!

      LG
      Denise

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