9. November 2017

Bist du weniger wert, weil du schwarz bist?








Titel: Kleine große Schritte
Autor: Jodi Picoult
Übersetzer: Elfriede Peschel
Verlag: C. Bertelsmann
Seiten: 592
ISBN: 978-3570102374









Ruth Jefferson ist Hebamme und Säuglingskrankenschwester in New York. Seit über 20 Jahren betreut sie Mütter und deren Babys. Als sie eines Tages den Sohn von Turk und Brittany untersucht, eskaliert die Situation. Der Vater des Kleinen ist bekennender Rassist und will nicht, dass eine schwarze Krankenschwester seinen Sohn betreut. Ruth ist wütend und entsetzt, hält sich jedoch an die Anweisung. Bis das Baby einen Atemstillstand erleidet...

"Kleine große Schritte" ist das neuste Werk von Jodi Picoult und hat mich berührt, wütend gemacht und nachdenklich gestimmt. Die Autorin greift in ihren vielen Büchern immer wieder bewegende Themen wie Amokläufe, Teenagerschwangerschaften oder Organspende auf. In ihrem neuen Roman befasst sie sich mit einem Thema, das so alltäglich wie erschreckend ist: Rassismus. Und dabei zeigt sich deutlich, aber ohne Holzhammer, wie alltäglich diese Form der Diskriminierung ist.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt. Ruth, die schwarze Krankenschwester, nimmt uns mit in ihren Alltag aus Geburt, Muttersein und den täglichen Kampf gegen Vorurteile. Turk, der bekennende Rassist und White-Power-Anhänger, gewährt einen Einblick in seine Welt, in der Weiße die Herrenrasse sind. Und Kennedy, die spätere Anwältin von Ruth, die als Pflichtverteidigerin viel Elend gesehen hat und dabei immer wieder den Kampf für ihre Klienten aufnimmt. Diese Mischung ist so gegensätzlich wie explosiv.

Zum Einen ist da ein Vater, der seinen neu geborenen Sohn verliert und dafür die Person verantwortlich macht, die seiner Weltansicht nach wertlos ist und nie in die Nähe seines Kindes hätte kommen dürfen. Zum Anderen ist da eine Krankenschwester, die ihr Leben lang für jeden Schritt nach vorn kämpfen musste. Und genau dieses Leben bricht mit der Mordanklage komplett auseinander.

Ich war erschrocken, wie gut Jodi Picoult die Gedankenwelt des White-Power-Anhängers darstellen konnte. Beim Lesen ekelte ich mich vor so viel Hass und Arroganz. Als vollkommenen Kontrast habe ich die Kapitel empfunden, in denen Ruth aus ihrem Leben erzählt. Sie wirkte auf mich stolz, aber bescheiden und zeigte mit kleinen Anekdoten, dass der Rassismus in den USA allgegenwärtig und alltäglich ist. Sei es beim Einkaufen, im Job oder vor Gericht. Ruth hat ihre Hautfarbe nie als Ausrede oder Begründung gesehen. Und muss nun mit Erschrecken feststellen, dass diese Einstellung nichts mehr wert ist, wenn man vor dem Richter steht. Ihre Wut und Traurigkeit konnte ich nachvollziehen.

Jedoch werde ich es nie nachfühlen können, da ich als Weiße nie diese Nachteile spüren werde. Und genau diese Erkenntnis macht das Buch von Jodi Picoult so wichtig. Sie zeigt, dass wir uns gern für nicht rassistisch halten und dennoch eine Form der Diskriminierung ausüben, der wir uns wenig bewusst sind. Das ist traurig, beschämend und zeigte mir, wie viel sich noch ändern muss.

Dabei verwendet die Autorin weder den moralischen Zeigefinger, noch maßt sie sich an, den heiligen Gral für die Gerechtigkeit gefunden zu haben. Sie hat bei mir einen Denkprozess ausgelöst. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch bei diesem Roman: Das Ende. Jodi Picoult trägt meiner Meinung nach zu viel aus, bringt eine Wendung ins Spiel, bei der ich ungläubig aufgelacht habe. Diese Wendung ist dramatisch, hätte aber meines Erachtens nicht sein müssen, um die Botschaft des Romans deutlich zu machen.

Fazit: Selten hat mich ein Buch so bewegt. Ich kann es sehr empfehlen.


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