Montag, 27. Februar 2017

Schutz wider Willen

Grenzgänger
(Goldmann-Brandner-Reihe Band 4)
von Timo Leibig
(284 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Walter Brandner arbeitet gerade noch seine neue Kollegin Cahide Pfeiffer ein, da wartet auf die beiden schon der erste brisante Fall: Francis Maybach, Sohn einer gut betuchten Industriellen-Familie, wird in seinem Haus brutal überfallen. Brandner ordnet sofort Polizeischutz für den jungen Mann an, scheint doch hinter dem Überfall mehr als nur Geldgier zu stecken. Francis türmt jedoch aus Polizeischutz und taucht unter. Wie beschützt man jemanden, der nicht beschützt werden will?

"Grenzgänger" ist der 4. Fall für Brandner und Goldmann und hat mich wieder mal überzeugt. Timo Leibig nimmt den Abschied von Leonore Goldmann aus dem aktiven Dienst zum Anlass, um nicht nur eine neue Kollegin vorzustellen, sondern auch seine Leser in neue Abgründe zu entführen. Damit konnte er mich wieder in seinen Bann ziehen.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Während man im Vorgänger hautnah an den Tätern dran war, folgt man in diesem Fall, bis auf wenige Kapitel, Brandner, Pfeiffer und ihren Ermittlungen. In einigen Abschnitten kommt auch die Mafia zu Wort, die aber ebenso wie die Polizei im Dunkeln tappt. Gerade diese Kombination von zwei so unterschiedlichen Seiten sorgte bei mir für Spannung und einen Lesesog.

Obwohl die Fälle in sich abgeschlossen sind, empfehle ich sehr, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Denn nur so kann man die Entwicklungen, die Brandner, Goldmann und auch die neuen Teammitglieder durchmachen, verfolgen und nachvollziehen. Ich hege für den Kommissar Brandner schon seit dem ersten Fall Sympathie und diese wächst von Buch zu Buch. Alle Figuren haben ihre Ecken und Kanten, keine ist glatt gebügelt oder nach dem Schema Schwarz/Weiß erschaffen. Timo Leibig hält sich aber zurück, mit Klischees zu arbeiten. Das ist erfrischend und für mich ein weiterer Grund, warum ich seine Thriller so mag.

Die Story an sich beginnt mit einem sprichwörtlichen Knall. Der Autor geht so offensiv blutig wie noch nie in die Offensive, schubst seine Leser mitten hinein in die Qualen einer Mutter, nur um dann immer mehr Abgründe zu offenbaren. Die Spannung steigt von Kapitel zu Kapitel, ohne dass Timo Leibig übertreibt, überspitzt oder die Realität aus dem Blick verliert. Und so ist es nicht verwunderlich, dass ich den Thriller innerhalb eines Wochenendes durchgelesen habe.

Das Finale ist filmreif, aber logisch und konsequent herbeigeführt. Brandner und sein Team begeben sich nicht unnötig in Gefahr, sondern handeln realitätsnah und somit logisch. Toll!

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt und erschafft Bilder vor dem inneren Auge. So konnte ich über das gesamte Buch hinweg mitfiebern.

Fazit: neue Kollegen, gleichbleibend hohe Spannung. Ich kann das Buch sehr empfehlen.

Samstag, 25. Februar 2017

Schöne neue Welt

Taintless - Blindes Vertrauen
von Annie Mae Gold
(488 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Summer Snow lebt ein genügsames Leben in Blackyard, einer Kolonie, die von hohen Mauern umgeben ist. Die Mauern schützen die Einwohner vor den Infizierten. Doch Summer hat einen großen Traum: sie will in die Elite und damit in die neue Welt. Dafür muss sie perfekt sein. Und das ist sie...bis sie auf Clay, einem Jungen aus der Elite, trifft...

"Taintless - Blindes Vertrauen" ist das Erstlingswerk von Annie Mae Gold und hat mich überzeugt. Die Autorin erschafft eine Dystopie aus dunklen Geheimnissen, Auswahlriten und einem Mädchen, das einfach nur frei sein möchte. Auch wenn einzelne Elemente schon aus erfolgreichen Dystopien wie "Die Bestimmung" oder "Election" bekannt sind, hat mir die Mischung sehr viel Spaß gemacht.

Die Geschichte wird von Summer höchstselbst erzählt. Das Mädchen lebt mit ihrem Vater und großem Bruder Brian ein eher bescheidendes Leben in der Kolonie. Und genau dieses Leben will Summer nicht mehr. Sie will mehr, sie will frei sein und kennt dafür nur eine Lösung: sie muss in die Elite erwählt werden. Doch der Weg dorthin führt nur über reine Perfektion. Und auch wenn ich zunächst dachte, dass so ein perfektes Mädchen nicht spannend sein kann, hat mich Summer eines besseren belehrt. Denn sie ist keinesfalls dumm oder obrigkeitshörig, sondern beweist in verschiedenen Situationen, dass sie sehr wohl weiß, was sie tut und wie sie ihre Ziele erreichen kann. Das machte sie für mich sehr sympathisch. Dennoch hätte ich sie, typisch Teenager, auch so manches Mal schütteln können für ihr egoistisches Verhalten. Das machte sie aber nur noch lebendiger und für mich überzeugender.

Natürlich darf in so einem Roman der Traumprinz nicht fehlen. Und auch hier gibt es direkt zwei davon. Da ist zum Einen Will, der in Summer schon seit gefühlten Ewigkeiten verknallt ist. Und zum Anderen ist da Clay, der Junge aus der Elite, der nicht nur perfekt, sondern auch noch intelligent ist. Beide männlichen Charaktere weisen, obwohl sie perfekt von Außen scheinen, ihre Ecken und Kanten auf. Erfrischenderweise hat Annie Mae Gold den beiden auch Köpfchen und ein gesundes Selbstvertrauen verpasst. Denn so konnte ich genau nachvollziehen, wie Summer sich fühlte.

Die Autorin greift in ihrer Story, die mich von Seite 1 in ihren Bann gezogen hat, so manch bekanntes Element aus Jugendystopien auf. Es gibt eine Auswahl, einen Weg in eine bessere Welt, einen geheimnisvollen, perfekten Mann und Flashbacks, die ihren wahren Kern spät offenbaren. Dennoch mixt Annie Mae Gold daraus ihre ganz eigene Geschichte, die mich fasziniert und unterhalten hat. Das Schöne: die sich anbahnende Dreiecksgeschichte zwischen Summer, Will und Clay verläuft eher im Hintergrund und ist zum Glück keine Ausrede für bescheuerte Aktionen der Figuren. Toll!

Das Finale hat mir dann an einigen Stellen die Tränen in die Augen getrieben. Ich habe mit Summer gekämpft, gehadert und gefiebert. Und die Autorin lässt genug Platz für eine Fortsetzung, die ich sehr gern lesen würde.

Der Stil von Annie Mae Gold ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise ist direkt, bildgebend und mitreißend. Ich konnte mich sofort in die Lage von Summer versetzen. Klasse!

Fazit: Blindes Vertrauen bis zum Ende. Ich kann das Buch sehr empfehlen.

Donnerstag, 23. Februar 2017

Der Feuerteufel jagt dich!

(Quelle: Martin Krist)
Brandstifter
(David-Gross-Reihe Band 3)
von Martin Krist
(500 Seiten)


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Eine ausgebrannte Wohnung, eine Mutter und ihre 2 Kinder sind den Flammen zum Opfer gefallen. Der Tatverdächtige: der eigene Ehemann und Vater, der mit schweren Verletzungen im Koma liegt. Privatdetektiv David Gross bekommt den Auftrag, den wahren Verursacher des Feuers zu finden, denn sein Auftraggeber glaubt nicht an die Schuld des jungen Vaters. Je mehr David ermittelt, desto klarer wird, dass er es gar nicht herausfinden soll...

"Brandstifter" ist der 3. Fall für David Gross und konnte mich restlos überzeugen. Martin Krist zog mich mit seinem Thriller in den Bann und ließ mich Schlaf, Hunger und Durst vergessen.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man nicht nur David Gross und seinen Ermittlungen, sondern lernt auch den chronisch pleiten Familienvater Luka kennen, der sich mit illegalen Nebenverdiensten versucht über Wasser zu halten. Zudem lernt man noch Valentina kennen. Die vermögende Mutter zweier Kinder wurde aus ihrem alltäglichen Leben gerissen, muss sich der brutalen Realität stellen und erfährt dabei Dinge über ihren geliebten Ehemann, die sie so nie wissen wollte. Diese Mischung hat es mir von Beginn an angetan. Obwohl der Autor eine Menge Figuren einführt, fühlte ich mich zu keinem Zeitpunkt allein gelassen oder verwirrt. Auch ohne Personenregister kommt man super klar. 

Martin Krist fordert von seinen Leser jedoch etwas, was traurigerweise immer seltener wird: die volle Aufmerksamkeit. Ich selbst habe beim Lesen gemerkt, dass mir Details entgangen sind, weil ich einfach zu unkonzentriert bei der Sache war. Das rächt sich. David Gross ermittelt eben nicht nebenher, sondern mit voller Konzentration. Und das sollte der Leser auch!

Die Charaktere, allen voran David Gross, haben eine wunderbare Tiefe, sind realitätsnah und menschlich. Der Autor erschafft keinen Überermittler, keine klischeebehaftete trauernde Witwe, keinen grantigen Polizisten, sondern zeigt seine Figuren so, wie man ihnen auch auf der Straße begegnen kann. Gerade David habe ich direkt ins Herz geschlossen. Auch wenn er schweigsam ist und mürrisch wirkt, zeugen seine Arbeit und auch seine Gedankengänge von einer Herzensgüte und Sinn für Menschlichkeit, die man ihm so nie zutrauen würde. Auch die anderen Charaktere, seien sie nun Haupt- oder eher Randfiguren, lösten Emotionen bei mir aus. Manch einem wollte ich direkt an die Kehle springen, andere einfach nur in den Arm nehmen. Genial.

Die Story an sich ist von Beginn an spannend und fesselnd. Mit jeder Seite tauchte ich tiefer in die Welt von David Gross ein, ermittelte mit ihm, bangte mit Valentina oder versuchte mit Luka meine kleine Familie zu ernähren. Martin Krist zeigt wieder mal sein gesamtes Können, denn die einzelnen Erzählstränge finden auf unterschiedlichen Ebenen statt und fordern den Leser zum Mitdenken auf. Eine erfrischende Herausforderung im Einheitswald der Thriller von heute!

Der Stil des Autors ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise ist direkt, detailreich, wo es nötig ist und vor allem fesselnd. Ich konnte kaum die Finger von dem Buch lassen.

Fazit: der Meister der verschiedenen Ebenen ist zurück und zeigt, was er kann. Eine klare Leseempfehlung.




Dienstag, 21. Februar 2017

The Girl with all the Gifts [Filmbesprechung]




Buchverfilmungen sind ein zweischneidiges Schwert, denn kein Regisseur kann die Fantasie des einzelnen Lesers einfangen. Dennoch bin ich immer wieder neugierig, wie Buchvorlagen auf die Leinwand gebracht werden. Und so wollte ich mir den Film "The Girl with all the Gifts" nicht entgehen lassen.

Meine Meinung zum Buch könnte ihr hier nachlesen. Die filmische Umsetzung konnte mich überzeugen, auch wenn mir stellenweise die Tiefe des Romans gefehlt hat.

Das Schöne: der Regisseur Colm McCarthy hält sich nach an der Vorlage. Und so wird direkt zu Beginn die Beklemmung von Melanie (Sennia Nenua) deutlich. Auch die Unterrichtseinheiten, die von Helen Justineau (Gemma Arteron) gegeben werden, erzeugten eine gedrückte und traurige Stimmung.

Der gesamte Film ist ruhig, unaufgeregt und erzeugte gerade deshalb Gänsehaut bei mir. Wer auf einen Zombiefilm a la "The Walking Dead" gehofft hat, ist hier falsch. Es fließt vergleichsweise wenig Blut, dafür ist der Horror der Hungernden jederzeit greif- und spürbar. 

Glenn Close als Dr. Caroline Caldwell hat mich sehr überzeugt. Die Darstellung der Wissenschaftlerin ohne Gewissen ist der Schauspielerin hervorragend gelungen. Blass blieb für mich die Figur des Kieran Gallagher (Fisayo Akinade), der mir im Roman durch seine Unschuld und seinen Mut ans Herz gewachsen war.

Colm McCarthy erzeugt durch viele ruhige, musiklose Momente eine Gruselstimmung, die mich dazu brachte, die Augen zuzuhalten. Dabei setzt der Regisseur aber nicht auf die großen Schockmomente, sondern lässt oftmals einfach Bilder sprechen. Toll!

Fazit: ein toller und bedrückender Film, der in meinen Augen vollkommen zu unrecht ins Spätprogramm verbannt wurde. Ich kann ihn sehr empfehlen.

Sonntag, 19. Februar 2017

Der Eismann wartet

Das Hospital
(Christine-Lenève-Reihe Band 2)
von Oliver Ménard
(413 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

In der Spree wird eine tote Frau ohne Lippen gefunden. Albert, der Lebensgefährte der Journalistin Christine Lenève, kannte die Tote. Und Christine wittert eine große Story. Ihre Ermittlungen führen sie in eine Welt aus Hackern, Geld, Schönheit und dem Wissen, dass niemand sicher sein kann...

"Das Hospital" ist der 2. Fall der Journalistin Lenève, aber mein erstes Buch von Oliver Ménard. Das Gute: man kann den zweiten Teil lesen, ohne den ersten zu kennen. Jedoch hat mich der Thriller nicht überzeugen können. 

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man nicht nur Christine und Albert bei ihren Nachforschungen, sondern lernt auch den Mörder und seine Gedanken kennen. Diese Mischung finde ich großartig, denn so konnte ich mir über beide Seiten meine Meinung bilden. Der Autor hat sich als Schauplatz Berlin und Prenzlauer Berg ausgesucht. Das ist für mich als Berlinerin immer wieder spannend, denn ich kenne die von Oliver Ménard beschriebenen Orte sehr gut und konnte mich so direkt in die Schauplätze hineindenken.

Zur Hauptfigur Christine Lenève hatte ich von Beginn an ein gespaltenes Verhältnis. Die Journalistin wirkte auf mich arrogant, besserwisserisch und schnippisch. Doch ich muss die Protagonistin nicht lieben. Ein wenig Reibung finde ich sogar großartig, solang die Figur auch Gründe hat, warum sie so ist, wie sie ist. Christine habe ich je nach Kapitel respektiert, verlacht, beneidet und einfach nicht leiden können. Das war vollkommen in Ordnung und für mich ein anderes Leseerlebnis. Dass sie ihr eigenes Verhalten bei anderen, die so agieren, als egoistisch und nicht vertrauensbildend empfindet, ist da schon fast logisch.

Und dennoch konnte mich der Thriller nicht überzeugen. Schuld daran ist nicht mal die Story, die es in den Grundzügen auch schon ein paar Mal gegeben hat. Das Rad kann man auch bei Thrillern nicht neu erfinden. Nein, Schuld hatten die Logiklöcher, die sich immer wieder aufgetan haben und mich persönlich zur Weißglut trieben. Da werden Hinweise, die schon fast Leuchtreklamencharakter besitzen, von der so über alle Maßen intelligenten Journalistin übersehen. Da werden mal eben technische Stolpersteine übergangen, obwohl es für die Story und für mich persönlich wichtig zu wissen wäre, wie man in Panik dieses Hindernis überwindet. Und dann wird auch noch der strafrechtliche Aspekt der eigenwilligen Handlungen von Albert und Christine unter den Tisch gekehrt. 

Ich kann über kleine Ungereimtheiten gut hinwegsehen, wenn mich die Story an sich mitzieht. Doch in diesem Falle haben sie mich immer wieder aus dem Tritt gebracht, irritiert und die durchschnittliche Geschichte zum Fall gebracht. 

Oliver Ménard kann durchaus erzählen und ließ Bilder vor meinem geistigen Auge entstehen. Gerade durch seine Detailverbundenheit erschafft er ein großartiges Berlin in seinem Buch. Aber das hilft alles nicht, wenn der Thriller selbst Mittelmaß ist.

Fazit: in das Hospital lass ich mich nicht nochmal einliefern. Schade!

Freitag, 17. Februar 2017

Ein digitales Rendezvous mit Kathrin Lange



Nicht immer kommen Leser und Autor so zusammen, wie beide Seiten das gern hätten. Nach einer Lesung bleibt vielleicht nicht so viel Zeit, der Autor liest nicht in der eigenen Stadt oder aber man bekommt es vom Timing her nicht hin. Doch was tun, wenn man dennoch mal in Ruhe über das neuste Werk plaudern möchte? Man macht es wie Kathrin Lange und lädt seine Leser zu einem Skype-Abend ein.

Und so durften Dörte von My Books Paradise und ich digital in das Büro der Autorin schlüpfen. Kathrin Lange stellte eine Videokonferenz her. So konnten nicht nur wir die Schriftstellerin besuchen, nein, wir konnten uns auch gegenseitig sehen. Für mich eine besondere Sache, da ich zu dem Zeitpunkt gemütlich im Bett saß *lach*

Nach einer kleinen Vorstellungsrunde ging es auch direkt los. Kathrin wollte unbedingt wissen, welchen Eindruck das Buch bei uns hinterlassen hat. Dabei gab es durchaus verschiedene Meinungen, die die Autorin mit einem Lächeln aufnahm. Ich konnte sehr gut sehen, wie wichtig ihr die Kritik ihrer Leser ist und dass sie jeden Punkt nachvollziehen wollte. Echt klasse!

Über den Inhalt des Buches ging es zu den realen Begebenheiten in Berlin zur Vorweihnachtszeit, Hilfe für Flüchtlinge und das Aufstehen gegen Rechts. Die Autorin selbst ist in diesem Bereich stark engagiert, was ich persönlich klasse finde. Sie merkte jedoch auch an, dass sie genau schaut, in wie weit ihr privates Engagement in ihre Bücher einfließt. Denn sie möchte nicht belehren mit Faris Iskander und seinen Fällen.

Auf unsere neugierigen Fragen, wie es denn im 4. Band weitergeht, lächelte Kathrin und gab nur preis, dass es diesmal nicht um einen Terroranschlag und muslimische Tatverdächtige gehen soll. Denn, so betonte sie, Faris sollte nie ein Terrorexperte werden, sondern sich um religiös motivierte Verbrechen kümmern.

Auch unsere bange Nachfrage, ob die geistige Mutter von Faris schon über sein Ende nachdenkt, wurde von Kathrin Lange beruhigend beantwortet. Faris hat erstmal keine Lust in den Ruhestand zu gehen oder das Handtuch zu werfen. Und, was mich besonders freut, er wird auch nicht in eine kitschige Liebesgeschichte gezwängt. Er bleibt der Ermittler, der er ist.

Den Abschluss bildete eine kleine Diskussion um unsere aktuellen Bücher, die wir lesen und welchen Eindruck sie bei uns hinterlassen. Während Dörte gerade in einem romantischen Werk steckt, lese ich einen blutigen Thriller aus dem Herzen Berlins. 

Ich fände es großartig, wenn mehr Autoren sich per Skype zu ihren Lesern schalten. Denn die eine Stunde verging wie im Flug und ich freue mich noch mehr auf den nächsten Fall von Faris Iskander.

Sonntag, 12. Februar 2017

Die Handschrift des Bösen

Die Tränen des Teufels
von Jeffery Deaver
(448 Seiten)


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Silvestermorgen in Washington, D.C.: ein Unbekannter schießt in einem U-Bahnhof um sich und tötet 23 Menschen. So schnell wie er tötet, so schnell kann der Digger, wie er genannt wird, unerkannt fliehen. Kurze Zeit später geht ein Erpresserbrief im Rathaus ein. Der Drahtzieher verlangt 20 Millionen Dollar, ansonsten wird das Morden weitergehen. FBI- Agent Margaret Lukas ist ratlos und greift nach dem Strohhalm, der ihr vom Täter geboten wird: der handschriftliche Brief. Mit Hilfe von Handschriftsexperte Kincaid Parker ermittelt sie. Doch kann sie den Digger stoppen?

"Die Tränen des Teufels" ist eines der frühen Werke von Jeffery Deaver und hat mich sehr gut unterhalten. Der Thriller ist bereits 1999 erschienen und wird nun vom Verlag neu aufgelegt. An manchen Stellen merkt man dem Roman sein Alter an. Dennoch war es für mich ein spannendes Lesevergnügen.

Die Geschichte wird einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man nicht nur dem FBI, sondern lernt auch Kincaid Parker und seinen Alltag kennen. Zudem darf auch der Täter kapitelweise seine Sicht der Dinge kundtun. Diese Mischung ist typisch für Deaver und hat mich sofort in seinen Bann gezogen. 

Wer schon ein, zwei Bücher des Autors gelesen hat, weiß, dass Deaver nicht ohne einen na sagen wir konträren Charakter auskommt. In diesem Fall ist es Kincaid Parker. Der Handschriftsexperte ist eine Koryphäe auf seinem Gebiet, hat sich doch zugunsten seiner Kinder aus dem aktiven Dienst zurückgezogen. Bis Lukas und ihr Kollege Cage vor der Tür stehen. Ich habe sowohl die Agenten als auch Parker sofort ins Herz geschlossen. Obwohl der Experte so manches Mal arrogant sein Wissen kundtut, bewunderte ich ihn für seine große Liebe zu seinen Kindern und seine dahingehende Härte, was den Schutz seiner Familie angeht. Auch der Digger hat mich fasziniert. Denn Deaver hat sich mit diesem Täter keinen virtuosen, sondern sehr robusten Täter ausgesucht. Stark!

Die Story hat mich von Beginn an fasziniert. Sie beginnt mit einem sprichwörtlichen Knall und entwickelt von Kapitel zu Kapitel mehr Geschwindigkeit. Dabei schafft es der Autor, nicht nur seine Figuren, sondern auch mich zu verwirren und auf falsche Fährten zu locken. Ab und an bemerkte ich holprige Übergänge, die dem Autor heute besser gelingen würden. Dennoch war ich voll und ganz in dem Thriller gefangen. 

Das Ende ist typisch für Jeffery Deaver und hat mich zum Nachdenken gebracht. Zudem lässt er mich hoffen, dass Kincaid Parker vielleicht irgendwann nochmal auftreten darf. Denn ich habe diesen Experten sehr lieb gewonnen und fände es schade, wenn er nie wieder eine Bühne bekommt.

Der Stil des Autor ist sehr gut und flüssig zu lesen. Deavers Erzählweise ist eine Mischung aus Detailreichtum, wissenschaftlichen Ausführungen und spannender FBI-Arbeit. So wünsche ich mir Thriller.

Fazit: weine nicht, wenn der Teufel sich regt. Eine klare Leseempfehlung.

Mittwoch, 8. Februar 2017

Die Rettung liegt in den Händen eines Kindes

Die Berufene
von M.R. Carey
(512 Seiten)


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Großbritannien in der nahen Zukunft: die Menschheit wurde von einem ominösen Pilz infiziert. Die Infizierten nennt man "Hungernde", denn sie kennen nur ein Ziel: alles was noch lebt zu fressen. Auf einer kleinen Militärbasis verschanzen sich Wissenschaftler, Zivilisten und Soldaten um herauszufinden, was es mit dem Parasiten auf sich hat. Zur Untersuchung dienen infizierte Kinder, die immun gegen den Pilz zu sein scheinen. Doch wie weit darf die Forschung gehen? Und was denken die Kinder selbst darüber?

"Die Berufene" von M.R. Carey hat mich schon länger neugierig gemacht, doch mit dem Start des Kinofilms hatte ich nun einen sehr guten Grund die Romanvorlage zu lesen. Und ich habe es nicht bereut. Der Autor schafft es, ein beklemmendes Szenario so lebensnah und für mich beängstigend darzustellen, dass ich das Buch in 2 Tagen durchgelesen habe.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei folgt man kapitelweise dem Kommandanten Perks, der die Militärbasis leitet, der Wissenschaftlerin Dr. Caldwell, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, den Pilz zu besiegen, der Lehrerin Miss Justineau, die die infizierten Kinder auf der Basis unterrichtet und Melanie, auch Testobjekt Nummer 1 genannt. Melanie ist eines der infizierten Kinder und muss als Versuchskaninchen herhalten. Jedes Kapitel passt sich sprachlich an seinen Protagonisten an. 

So war ich zu Beginn verwundert, in welch einfacher Sprache M.R. Carey seinen Roman gehalten hat. Schnell wurde mir klar, dass er seinen Stil Melanie angepasst hat. Die Infektion nimmt normalerweise jedem Menschen das Menschliche. Das immune Mädchen hingegen ist lernfähig, kann sprechen, denken und zeigt dies deutlich, wenn auch sprachlich in einfachen Sätzen. Das hat mich sehr fasziniert. Denn die Grausamkeiten, die man den Kindern antut, schildert sich mit solch kindlicher Präzision, dass es mir kalt den Rücken hinunterlief.

M.R. Carey wirft einen sehr bunten Mix an Charakteren zusammen, der im Laufe der Geschichte ums Überleben kämpfen muss. Grandios zeigt er die Gruppendynamik auf, regte mich zum Nachdenken über das eigene Verhalten an und zeigte deutlich, wie weit Entmenschlichung im Namen der Wissenschaft gehen kann. Ich war stellenweise stark gerührt, wütend, aggressiv und schüttelte den Kopf über die Gedankengänge der Personen, obwohl ich sie irgendwo auch wieder verstehen konnte. Es war immer wieder ein innerer Kampf mit der eigenen Überzeugung.

Die Story an sich hat mich von Beginn an in ihren Bann gezogen. Der Autor schafft es, den Horror der Situation gezielt und hintergründig zu setzen. Er wartet nicht mit Splatter und geifernden Zombies auf, sondern zeigt fast schon nüchtern, zu was Menschen werden können, wenn das eigene Überleben auf dem Spiel steht. Dabei setzt er geschickt jede Haltung gegeneinander ein, so dass ich beim Lesen selbst immer wieder in meiner eigenen Überzeugung erschüttert wurde. Grandios!

Das Ende hat mich stark berührt. Es passt sehr gut zum gesamten Werk, ist schlüssig und logisch. Und dennoch hätte ich mir gewünscht, es hätte ein anderes gegeben. Einfach, damit ich weiter an das Gute glauben könnte.

Der Stil von M.R. Carey ist sehr gut und flüssig zu lesen. Seine Erzählweise passt sich situativ an, reißt mit und beschreibt schonungslos, aber ohne Sensationsgier, die einzelnen Szenen.

Fazit: leiser Horror, große Gedanken und viel Spannung. Ich kann es sehr empfehlen.

Montag, 6. Februar 2017

Ein Lift, sie zu retten

Darwin City - Die Letzten der Erde
(Darwin-City-Reihe Band 1)
von Jason M. Hough
(608 Seiten)


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Mitte des 23. Jahrhunderts: die gesamte Welt ist öd und leer. Nur in Darwin, Australien, gibt es eine kleine Zone, in der Menschen noch existieren können. Grund dafür ist ein Aufzug, der in den Weltraum führt und von Außerirdischen erbaut wurde. Warum? Das weiß niemand. Klar ist aber: wer sich außerhalb der Schutzzone aufhält, infiziert sich mit SUBS, verroht und verendet elendig. Doch bald tauchen die ersten SUBS innerhalb der Schutzzone auf. Was geht da vor?

"Darwin City - Die Letzten der Erde" ist der erste Band der Darwin-Trilogie von Jason M. Hough und konnte mich nicht ganz überzeugen. Die Idee des Debütautoren ist vielversprechend und spannend, aber die Umsetzung kommt für mich dann zu technisch und wenig mitreißend.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei ist man sowohl auf der Erde unterwegs, plündert mit Immunen in den schutzlosen Gebieten als auch im Aufzug im All und erfährt, wie einer der reichsten Männer der verbliebenen Welt sich die Zukunft vorstellt. Zu seinen Gunsten versteht sich. Als dann die ersten SUBS in den geschützten Gebieten auftreten, ist nicht nur die Panik groß. Diese Mischung hat mich sehr neugierig gemacht und ich wollte gern wissen, wie es mit dem Lift, den SUBS und auch dem Machtgefüge weitergeht.

Jedoch kam mein Lesespaß nicht so richtig in Fahrt. Jason M. Hough führt seine Figuren ein, schmeißt seine Leser mitten ins Geschehen und lässt sie ohne Hintergrundinformationen durch Darwin streifen. Das ist zwar gut gedacht, war für mich jedoch nichts. Ich konnte zu den Charakteren keine Beziehung aufbauen, weder Sympathie noch Antipathie. Auch hätte mich sehr interessiert, wie es zu der Zeit war, als der Aufzug erbaut wurde. Diese Informationen blieb mit der Autor bis 1/3 des Buches schuldig. Und er machte keine Andeutungen, dies aufzuklären.

So hatte ich zwar immer wieder Momente, in denen ich durch die Kapitel flog, die Situationen, in denen ich dachte "passiert auch was spannendes und nicht nur Machtspielchen?", überwogen jedoch und so legte ich den Roman bald ernüchtert und auch traurig zur Seite. Die Grundidee bietet extrem viel Potenzial und Spannung. Jedoch kann der Autor diese leider nicht in seinen Erzählungen umsetzen.

Fazit: Darwin zog mich nicht in seinen Bann. Wer es sehr ruhig und technisch mag, sollte aber reinlesen.

Mittwoch, 1. Februar 2017

Willkommen im Dark Net!

Dark Web
von Veit Etzold
(592 Seiten)


Eine Leseprobe findet Ihr hier

Eine neue Suchmaschine soll das Netz revolutionieren. Holos ist das Google Europas. Und genau so gefährlich. Das müssen auch BND-Agentin Jasmin Walters und Oliver Winter, ein Nutzer des Dark Web, erkennen. Kommt ihre Erkenntnis zu spät?
"Dark Web" ist der neuste Thriller aus der Feder von Veit Etzold und hat mich auf ganzer Linie enttäuscht. Dabei ist es nicht mal die Thematik, welche mich wirklich interessiert hätte, sondern der Erzählstil, der mich zum Aufgeben zwang.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Dabei jettet man als Beobachter um die ganze Welt, schließt Deals mit der russischen Mafia, bekommt Einblicke in das Finanzwesen, ermittelt mit dem BND oder sieht das Leben von Oliver Winter, einem Daytrader, den Bach runtergehen. Die Zutaten des Thrillers sind also genau richtig und bieten eine explosive Mischung. 

Warum kann ich dem Werk dennoch nichts abgewinnen?

Es liegt an dem Erzählstil Veit Etzolds. Ich bin durch die Fälle von Clara Vidalis, die er ebenfalls geschrieben hat, nur so durchgeflogen. Er konnte mich damit fesseln. Doch in "Dark Web" hatte ich alle 5 Sätze das Gefühl, dass der Autor mich für zu blöd hält, Zusammenhänge herzustellen. Es wurden Offensichtlichkeiten nicht nur einmal, sondern mehrmals erklärt. Zudem verfällt Veit Etzold immer wieder in eine so einfache Sprache und einen rudimentären Satzbau aus "Subjekt, Prädikat, Objekt", dass ich mich gefragt habe, ob hier mehrere Autoren am Werk waren. Das ist nicht mehr der rasante und atemraubende Stil, den ich von ihm kenne. 

Wenn sich Top-Manager oder hochrangige BND-Beamte in einer Sprache und einer Wortwahl unterhalten, die einem Kindergartenkind die Schamesröte ins Gesicht treiben würde, dann ist für mich ein entspanntes Lesen unmöglich. Dass dann weder Veit Etzold noch seinem Lektorat die korrekte Verwendung des Genitivs geläufig ist, ließ mich dann nur noch müde lächeln.

Und so konnte ich nicht weiter vordringen in die Welt des Dark Nets. Die Story mag spannend und mitreißend sein, der für mich unmögliche Stil hat mich immer wieder aus dem Tritt gebracht. Und so blieb es nur bei einem kurzen Ausflug. Sehr sehr schade!