16. November 2017

Die Vergangenheit kannst du nicht vergessen!








Titel: Marlenes Geheimnis
Autor: Brigitte Riebe
Verlag: Diana
Seiten: 432
ISBN: 978-3453292055










Für Nane ist es ein trauriger Tag, in das Dorf ihrer Kindheit zurückzukehren. Ihre Großmutter Eva ist verstorben. Gemeinsam mit ihrer Mutter Vicky erscheint sie in Rickenbach, einem kleinen Dorf nahe des Bodensees. Die beiden Frauen werden kühl von Marlene, der Schwester Vickys, empfangen. Die Spannungen legen sich auch an so einem bedeutsamen Tag nicht. Nane versteht die Welt nicht mehr. Und als ihr dann auch noch die Memoiren ihrer Großmutter in die Hände fallen, wird so manches Geheimnis gelüftet...

"Marlenes Geheimnis" war mein erster Roman von Brigitte Riebe und der Klappentext hatte mich neugierig gemacht. Ich mag Familiengeschichten, deren Wurzeln bis zurück in den 2. Weltkrieg reichen. Und die Autorin hat in ihrem Buch sehr gute Grundlagen gelegt. Leider werden diese von zu viel Zickereien und Divenhaftigkeit überlagert.

Die Geschichte wird von einem auktorialen Erzähler berichtet. Zum Einen lernt man Nane, ihre Mutter und ihre Tante kennen. Nach dem Tod der Großmutter brechen alte Fehden wieder auf und Nane steht zwischen den Stühlen. Zum Anderen darf man die Memoiren Evas lesen, die aus ihrer Kindheit, Hitlerdeutschland und dem 2. Weltkrieg berichtet. Diese Mischung fand ich klasse und ich verlor mich vor allem in den Erzählungen der Großmutter.

Die Figuren sind lebhaft, aber leider auch klischeehaft angelegt. Nane kämpft mit psychischen Problemen, Vicky und Marlene giften sich nur an, da die eine den Lebensentwurf der anderen nicht verstehen mag und auch in Evas Erzählungen wird auf lieb gewonnene Bilder zurückgegriffen. Zu Beginn konnte ich dies noch gut verschmerzen, da mich die Vergangenheit der Familie sehr interessiert hat.

Je länger ich jedoch las, desto mehr fielen mir die Spitzen Marlenes, die Streitereien und uralten Fehden auf die Nerven. Gefühlt bestand der Part, der in der Gegenwart spielte, nur aus Gezicke, Streit, Selbstzweifel und ganz vielen Andeutungen. Dies war mir persönlich zu viel, so dass ich das Buch nach der Hälfte zur Seite gelegt habe.

Der Stil von Brigitte Riebe ist sehr gut und flüssig zu lesen. Ihre Erzählweise lebt von Gefühlen und einfühlsamen Beschreibungen, die nicht aufgesetzt wirken. Das fand ich sehr charmant.

Fazit: Ein Buch, das Liebhaber des Genres begeistern wird. Mich hat es leider enttäuscht.



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9. November 2017

Bist du weniger wert, weil du schwarz bist?








Titel: Kleine große Schritte
Autor: Jodi Picoult
Übersetzer: Elfriede Peschel
Verlag: C. Bertelsmann
Seiten: 592
ISBN: 978-3570102374









Ruth Jefferson ist Hebamme und Säuglingskrankenschwester in New York. Seit über 20 Jahren betreut sie Mütter und deren Babys. Als sie eines Tages den Sohn von Turk und Brittany untersucht, eskaliert die Situation. Der Vater des Kleinen ist bekennender Rassist und will nicht, dass eine schwarze Krankenschwester seinen Sohn betreut. Ruth ist wütend und entsetzt, hält sich jedoch an die Anweisung. Bis das Baby einen Atemstillstand erleidet...

"Kleine große Schritte" ist das neuste Werk von Jodi Picoult und hat mich berührt, wütend gemacht und nachdenklich gestimmt. Die Autorin greift in ihren vielen Büchern immer wieder bewegende Themen wie Amokläufe, Teenagerschwangerschaften oder Organspende auf. In ihrem neuen Roman befasst sie sich mit einem Thema, das so alltäglich wie erschreckend ist: Rassismus. Und dabei zeigt sich deutlich, aber ohne Holzhammer, wie alltäglich diese Form der Diskriminierung ist.

Die Geschichte wird aus drei Perspektiven erzählt. Ruth, die schwarze Krankenschwester, nimmt uns mit in ihren Alltag aus Geburt, Muttersein und den täglichen Kampf gegen Vorurteile. Turk, der bekennende Rassist und White-Power-Anhänger, gewährt einen Einblick in seine Welt, in der Weiße die Herrenrasse sind. Und Kennedy, die spätere Anwältin von Ruth, die als Pflichtverteidigerin viel Elend gesehen hat und dabei immer wieder den Kampf für ihre Klienten aufnimmt. Diese Mischung ist so gegensätzlich wie explosiv.

Zum Einen ist da ein Vater, der seinen neu geborenen Sohn verliert und dafür die Person verantwortlich macht, die seiner Weltansicht nach wertlos ist und nie in die Nähe seines Kindes hätte kommen dürfen. Zum Anderen ist da eine Krankenschwester, die ihr Leben lang für jeden Schritt nach vorn kämpfen musste. Und genau dieses Leben bricht mit der Mordanklage komplett auseinander.

Ich war erschrocken, wie gut Jodi Picoult die Gedankenwelt des White-Power-Anhängers darstellen konnte. Beim Lesen ekelte ich mich vor so viel Hass und Arroganz. Als vollkommenen Kontrast habe ich die Kapitel empfunden, in denen Ruth aus ihrem Leben erzählt. Sie wirkte auf mich stolz, aber bescheiden und zeigte mit kleinen Anekdoten, dass der Rassismus in den USA allgegenwärtig und alltäglich ist. Sei es beim Einkaufen, im Job oder vor Gericht. Ruth hat ihre Hautfarbe nie als Ausrede oder Begründung gesehen. Und muss nun mit Erschrecken feststellen, dass diese Einstellung nichts mehr wert ist, wenn man vor dem Richter steht. Ihre Wut und Traurigkeit konnte ich nachvollziehen.

Jedoch werde ich es nie nachfühlen können, da ich als Weiße nie diese Nachteile spüren werde. Und genau diese Erkenntnis macht das Buch von Jodi Picoult so wichtig. Sie zeigt, dass wir uns gern für nicht rassistisch halten und dennoch eine Form der Diskriminierung ausüben, der wir uns wenig bewusst sind. Das ist traurig, beschämend und zeigte mir, wie viel sich noch ändern muss.

Dabei verwendet die Autorin weder den moralischen Zeigefinger, noch maßt sie sich an, den heiligen Gral für die Gerechtigkeit gefunden zu haben. Sie hat bei mir einen Denkprozess ausgelöst. Und dafür bin ich sehr dankbar.

Einen Wermutstropfen gibt es jedoch bei diesem Roman: Das Ende. Jodi Picoult trägt meiner Meinung nach zu viel aus, bringt eine Wendung ins Spiel, bei der ich ungläubig aufgelacht habe. Diese Wendung ist dramatisch, hätte aber meines Erachtens nicht sein müssen, um die Botschaft des Romans deutlich zu machen.

Fazit: Selten hat mich ein Buch so bewegt. Ich kann es sehr empfehlen.


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6. November 2017

WARUM? - Das Ende kommt überraschend





Jeden ersten Montag im Monat befasse ich mich mit einer Frage, die mich im Bücherversum umtreibt. Sei es zu Figuren, Handlungen, Gestaltungen oder Trends in der Literaturwelt, sobald mir eine Frage durch den Kopf geht, befasse ich mich damit.

Vorsicht: Diese Rubrik gibt einzig meine persönliche Meinung wieder. Aber es darf gern darüber diskutiert werden.

Dieser Artikel kann SPOILER enthalten. Wer die erwähnten Bücher nicht kennt, sollte also mit Vorsicht lesen.

Ich bin ein großer Fan von vertrackten, verschachtelten, aber vor allem von gut durchdachten Geschichten. Geschichten, bei denen man merkt, dass der Autor an alles gedacht hat und es versteht, den Leser aufs Glatteis zu führen. Und bisher dachte ich, dass ich mich bei bestimmten Autoren auch genau auf diese tollen Stories verlassen kann. Doch leider muss ich mir immer öfter die Frage stellen:

Warum können Autoren ihre Geschichten nicht bis zu Ende denken? Warum behelfen sie sich mit Wendungen, die wenig glaubhaft sind?

Für mich muss ein guter Thriller Spannung, Blut und Logik vereinen. Der Täter wird geschnappt, weil er eine Kleinigkeit übersehen hat oder einfach zu arrogant geworden ist. Die Ermittler kommen dem Mörder auf die Spur, weil sie konsequent den Spuren nachgehen, um die Ecke denken und ihre Erfahrungen einfließen lassen. Auch ein gutes Motiv des Täters ist nicht zu verachten, sei es nun Hass, sexuelles Verlangen oder Eifersucht. Solche Thriller versüßen mir den Alltag und ich freue mich auf jedes neue Werk des Autors.

Doch dann gibt es Romane, bei denen ich Seiten genau sagen kann, wo der Autor den Faden verloren hat. Meist ist der Beginn der Story großartig. Der Täter wird mysteriös eingeführt, die Ermittler stehen unter Druck und es folgt eine Leiche nach der anderen. Und gerade als man mittendrin in der Verfolgungsjagd ist...PUFF...gibt es eine Wendung, bei der ich nur den Kopf schütteln kann. Sie hat sich weder abgezeichnet, noch gab es Hinweise darauf und sie passt auch nicht wirklich zur Geschichte. Aber nur durch diese Wendung kann die Auflösung funktionieren. Und das ärgert mich. Es wirkt, als ob der Autor Beginn und Ende seines Werkes präzise geplant hat. Der Rest wird dann dem Zufall überlassen. Und der ist zumeist ein schlechter Ratgeber.

Ein leider sehr gutes Beispiel dafür ist "Achtnacht" von Sebastian Fitzek. (Vorsicht Spoiler!)

Den gesamten Roman über wird die Hauptfigur durch Berlin gehetzt, bekommt mysteriöse Anrufe und die Meute kommt immer wieder auf seine Spur. Doch wer steckt dahinter? Ich konnte es mir bis zum Schluss nicht erklären und war so gespannt auf die Auflösung. Umso enttäuschter war ich, dass Fitzek auf einen Täter mit multiplen Persönlichkeiten zurückgegriffen hat. Nicht nur, dass er das Krankheitsbild falsch und sehr vereinfacht dargestellt hat, nein, es wirkte auf mich auch komplett unglaubwürdig. Doch ohne diesen Täter hätte die gesamte Geschichte nicht funktioniert. Es gab keinen anderen, logischen Schluss. Ich war vom Ende wirklich enttäuscht. Denn bisher konnte mich Fitzek mit seinen Wendungen zum Ende hin überzeugen. Hier hatte er den Bogen definitiv überspannt.

Doch er ist nicht der einzige. Auch Neu-Autoren begehen gern den Fehler, dass sie einen haarsträubenden Twist einbauen, ohne den zwar die Auflösung nicht klappen würde, der bei mir aber das Gefühl hervorruft, dass mich der Verfasser für sehr naiv oder begriffsstutzig hält. 

Es muss nicht immer der große Knalleffekt sein, der zur Ergreifung führt. Mitterweile ist es eine erfrischende Abwechslung, wenn der Täter aufgrund konsequenter Ermittlungen gestellt wird und nicht, weil er in einem Anflug von Leichtsinn und geistiger Umnachtung, seinen gesamten Plan offenlegt.

Liebe Autoren, denkt eure Geschichten zu Ende. Macht sich so hervorragend, dass dem Leser die Luft vor lauter Spannung und nicht vor lauter "WTF?" wegbleibt.