26. Februar 2018

Den Schrecken durch Kinderaugen sehen








Titel: Der Junge im gestreiften Pyjama
Autor: John Boyne
Übersetzer: Brigitte Jakobeit
Verlag: Fischer
Seiten: 288
ISBN: 978-3596856916








Bruno ist 9 Jahre alt und liebt sein Leben in Berlin. Jedoch wird sein Vater eines Tages versetzt und die gesamte Familie muss mit. Der Junge findet sich an einem Ort wieder, an dem er keine Freunde hat. Sein neues Leben behagt ihm gar nicht, bis er durch sein Fenster ganz viele andere Kinder entdeckt. Nur leben diese hinter einem Zaun. Und tragen alle einen gestreiften Pyjama...

Lange bin ich um den Roman "Der Junge im gestreiften Pyjama" von John Boyne herumgeschlichen. Ich hatte Angst und Respekt vor der Lektüre, denn ich hatte so viele berührende Meinungen gehört. Heute bin ich froh, dass ich mich endlich an das Buch herangetraut habe. Der Autor erzählt den Schrecken Auschwitz' aus der Sicht eines 9-jährigen, deutschen Jungen, der mit dem Grauen der Zeit nichts anzufangen weiß. Für mich ein berührendes, wie schockierendes Leseerlebnis.

Die Geschichte wird zwar von einem auktorialen Erzähler berichtet, jedoch schildert dieser die Erlebnisse von Bruno nicht aus der Draufsicht eines Erwachsenen, sondern bedient sich der Erklärungsversuche und Denkweisen des 9-jährigen Sohnes eines Auschwitz-Kommandanten. Und genau diese Anpassungen an die  Sprache und Gedankengänge eines Kindes machen das Werk eindringlich, erschütternd und traurig.

Bruno ist ein intelligenter Junge, der sich seine Naivität gegenüber der Welt bewahrt hat. Zu Beginn fand ich das sehr süß. Im Laufe der Lektüre war ich zunehmend geschockter, wie weit entfernt der Kleine von der grausamen Realität lebt. Der Hass der Nazis hat ihn noch nicht durchdrungen und so kann er mit dem Lagerzaun, den Lagerinsassen und der gesamten Tötungsmaschinerie nichts anfangen. Für ihn zählen großteilig seine eigenen Befindlichkeiten, was es mir manchmal schwer machte, ihm uneingeschränkte Sympathie entgegenzubringen. Aber ich las das Buch mit dem Wissen um das, was dort passiert ist. Bruno ist, obwohl er so nah am Lager wohnt, vollkommen unwissend.

John Boyne überlässt viele Details der Fantasie und dem Wissen seiner Leser. Durch Bruno erfährt man lediglich andeutungsweise, was er erlebt und sieht. Diese Versatzstücke setzt man jedoch automatisch zu einem Gesamtbild zusammen. Die kindlichen Beschreibungen ließen mich so manches Mal schlucken, denn ich konnte kaum fassen, wie so etwas unschuldig naives in dieser Umgebung bestehen konnte.

Das Ende hat mich erschrocken. Zwar ahnte ich auf den letzten Seiten, wohin der Autor steuert, wollte es aber bis zu den entscheidenden Sätzen nicht wahrhaben. Der Roman wirkt noch lange nach, das weiß ich schon jetzt.

Normalerweise folgt an diese Stelle mein Fazit. Die Besprechung zu diesem besonderen Werk möchte ich jedoch mit einem Zitat, welches fast prophetisch ist, enden lassen: 

"Natürlich geschah dies alles vor langer Zeit, und etwas Ähnliches könnte nie wieder passieren. Nicht in diesen Tagen. Nicht in diesem Zeitalter."




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Kommentare:

  1. Hallo Tapsi,
    ich hab das Buch auch gelesen, vor Jahren, und du hast absolut recht - es hallt nach. Nach so vielen Jahren noch. Die Erinnerung an das Buch, an das Grauen ist immer noch präsent, wenn ich das Buch seh oder Rezensionen lese.
    Ein wichtiges, ein großes Werk
    LG,
    Daniela, der Buchvogel

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    1. Hi Daniela,
      Du hast vollkommen recht: Dieses Buch bleibt in Erinnerung. Ich werde es so schnell nicht vergessen.
      Lg
      Denise

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